Fräulein Else Leutnant Gustl. Andreas Thameyers letzter Brief. Tb Was gibt es Besseres beim Lesen, als einer literarischen Figur ganz nah zu sein? In ihre Haut zu schlüpfen, sie ganz und gar zu verstehen; das denken, was sie denkt, das fühlen, was sie fühlt. Eins werden mit der Person. Arthur Schnitzler war einer der ersten, denen mit der Technik des inneren Monologs genau dies gelang. Zuerst in Leutnant Gustl 1900, dann in Fräulein Else 1924. Zwei sehr unterschiedliche Figuren werden hier dargestellt, mit zwei völlig verschiedenen Lebens- und Gefühlswelten. Der junge Offizier, der von einem nicht satisfaktionsfähigen Bäckermeister beleidigt wird und sich deshalb, obwohl niemand den Vorfall mitbekommen hat, nach dem Ehrenkodex der Armee erschießen müßte, durchleidet eine Nacht der Todesangst - bis er morgens erfährt, daß jener Bäckermeister einem Schlaganfall erlegen ist. Dann die junge Anwaltstochter Else, die von ihrer Mutter gebeten wird, den Vater aus einer Schuldenmisere zu befreien und einen befreundeten Kunsthändler um das Geld zu bitten; als dieser seine finanzielle Hilfe aber unter die Bedingung stellt, Else nackt sehen zu dürfen, verzweifelt sie an den moralischen Konflikten, entblößt sich im Musikzimmer des Hotels und nimmt eine Überdosis Veronal. Das Lesen der beiden Novellen ist wie ein Sog. Man wird immer weiter hineingezogen in die Seelenzustände von Gustl und Else, in ihre Verwirrung, Assoziationen, Erinnerungen. Und man leidet mit ihnen in diesen extremen Grenzsituationen. Am Ende findet man nur schwer zurück in die eigene Welt. Denn das Ich der Personen macht Schnitzler so erlebbar und plastisch, wie kaum ein anderer deutschsprachiger Erzähler dies vermochte. -Lilli Belek
Buch:
Texte.Medien: Traumnovelle, Textausgabe mit Materialien
Autor:
Arthur Schnitzler, Ausgabe vom 1. Febr. 2003, Taschenbuch, Verkaufsrang 326205
Audiobook-Rezensionen "Eyes Wide Shut", Stanley Kubricks letzter Film machte Schnitzlers Novelle einem breiteren Publikum bekannt. Die 1926 erschienene "Traumnovelle" inszeniert den schmalen Grat zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Die Lust am gefährlichen Spiel, die Angst vor Kontrollverlust durch die eigene Sexualität, Verzweiflung und Beschämung, Rache, Schuld und schlechtes Gewissen ? das ganze Potential des Unterbewussten wird in dieser meisterhaften Novelle präsentiert. Arthur Schnitzler glaubte an dieses Unbewusste und hatte sich früh als Arzt mit der Psychoanalyse beschäftigt. Seine Erzählungen und Dramen lösten Skandale aus: Kritik an der antisemitischen k.u.k-Monarchie und freizügige Darstellung von Sexualität ("Der Reigen") waren die Ursache dafür. Zur gleichen Zeit wie Schnitzler lebte und arbeitete Sigmund Freud in Wien. Die gedankliche Untreue von Fridolin und Albertine ist das zentrale Moment der Geschichte. Nach einem Maskenball gestehen sich die beiden Eheleute gegenseitig, dass sie im vergangenen Sommer einen anderen Mann bzw. eine andere Frau über alles begehrt haben. Fridolin ist empört. Weder das Liebesgeständnis der Tochter eines soeben verstorbenen Patienten, noch eine Prostituierte können ihn versöhnen. Erst als er schon auf dem Nachhauseweg einen alten Bekannten wiedertrifft, beginnt sein Rache-Abenteuer. Er schafft es irgendwie, an einem geheimen, erotisch-orgiastischen Fest teilzunehmen. Eine der nackten, maskierten Frauen, die ihn immer wieder warnt, begehrt er über alles. Sie wird für ihn zum Inbegriff seines Wollens. Doch er wird erkannt und nur, weil diese Schöne sich für ihn opfert, kommt er mit dem Leben davon. Auf freiem Feld wird er ausgesetzt. Als er mit schlechtem Gewissen nach Hause kommt, wartet eine Überraschung auf ihn: Albertine erzählt ihm brühwarm ihren Traum, in dem sie erlebt hat, was ihm verwehrt blieb. Sie betrügt ihren Mann mehrmals, fühlt sich dabei so frei und leicht wie nie. Als er aus Liebe und Treue zu ihr gefoltert und getötet wird, verspottet sie ihn. Fridolin kann das Geheimnis dieser Feste und der toten Baronin nicht lüften. Bemerkenswert für diese Abgründe ist das Ende: Beide haben sich alles erzählt und fangen von neuem an. Eine wunderbar positive Antwort auf die Frage "Wie viel Wahrheit verträgt die Liebe?" Mit Peter Eschberg, einem gebürtigen Wiener, ist die Lesung adäquat besetzt. Die Wiener Gesellschaft, aber auch die männliche Perspektive, aus der heraus das Geschehene transportiert wird, kann der versierte Theatermann glaubwürdig vermitteln. Peter Eschberg spielte an zahlreichen Bühnen; er war in Bonn und Frankfurt als Intendant tätig. Er interpretiert die "Traumnovelle" als spannende Geschichte, die auch heute nichts an Brisanz verloren hat. Lesung mit Musik, Spieldauer: ca. 193 Minuten, 3 CD. Mit Booklet. - culture.text
Buch:
Schroedel Interpretationen: Leutnant Gustl
Autor:
Arthur Schnitzler, Ausgabe vom 1. Mai 2010, Broschiert, Verkaufsrang 460539
Hannelore Hoger, Elke Heidenreich, Senta Berger, Dorothy Parker, Elizabeth George, Arthur Schnitzler, Ausgabe vom 15. Januar 2007, Audio CD, Verkaufsrang 361912
Hörbuch:
Casanovas Heimfahrt
Autor:
Arthur Schnitzler, Ausgabe vom 1. Okt. 2008, Audio CD, Verkaufsrang 144919