Körperteile. Eine kulturelle Anatomie. Das Ganze ist bekanntlich mehr als die Summe seiner Teile. Aber andererseits kommt es vor, dass die Teile gegenüber dem Ganzen eine Art Eigenleben entwickeln, wie es bei unserem Körper der Fall ist: Wenn man die europäische Kulturgeschichte betrachtet, wird offensichtlich, wie intensiv die einzelnen Partien der menschlichen Anatomie symbolisch aufgeladen und zum Ansatzpunkt kultureller Tätigkeit wurden - von religiösen Kulten, wie der Verehrung von Heiligen-Reliquien bis zu erotischen Gedichten, bei denen zum Beispiel in der Renaissance jeweils nur ein Teil des (weiblichen) Körpers gepriesen wurde. Mit ihrer Anthologie unternehmen Claudia Benthien und Christoph Wulf mit insgesamt 23 weiteren Autoren - von Literatur- und Kulturwissenschaftlern bis zu Archäologen und Kunsthistorikern - den interessanten Versuch, eine kulturelle Anatomie des Körpers zu erstellen, vom Scheitel bis zur Sohle, von der erotischen Verehrung des Hinterns in der griechischen Antike bis zur "Zerstückelungsthematik" im Werk der englischen Dramatikerin Sarah Kane. Teilweise sind die Beiträge recht spezifisch, wenn etwa Kay Himberg die Nasensymbolik vor allem an Laurence Sternes Tristram Shandy verdeutlicht. Andere dagegen befassen sich mit grundlegenderen Fragestellungen, wie beispielsweise Ann-Sophie Lehmann, die zu klären versucht, warum die Frau über weite Strecken der Kunstgeschichte als quasi geschlechtslos - mit nacktem Venushügel, auf dem "sich keine Spur von Schamhaar, Schamlippen oder Schamspalte finden lässt" - mit einer Leerstelle zwischen den Beinen abgebildet wurde. Ein Großteil der Beiträge von Körperteile geht auf eine Tagung zurück, die in Zusammenarbeit mit dem Graduiertenkolleg "Körper-Inszenierungen" der Freien Universität Berlin stattfand. An dieser wissenschaftlichen Ausrichtung mag es auch liegen, dass sich die Sinnlichkeit der Inhalte im Stil der meisten Texte leider nicht wiederfindet. Nicht jeder Leser wird auch mit Fachbegriffen, wie "apotropäisch", etwas anfangen können oder begrüßen, dass fremdsprachige Zitate durchweg ohne Übersetzung auskommen müssen. Trotz dieser Einschränkungen ist die Lektüre dieser Abstecher in die Grenzregionen zwischen Körperlichkeit und Kultur über weite Strecken eine spannende Angelegenheit. -Christian Stahl
Buch:
Im Leibe wohnen
Autor:
Claudia Benthien, Ausgabe vom 1. Januar 1998, Sondereinband, Verkaufsrang 3252689
Buch:
Meisterwerke: Deutschsprachige Autorinnen im 20 - Jahrhundert
Ausgabe vom 1. Januar 2005, Broschiert, Verkaufsrang 1371611
Product Description Der Begriff der Meisterschaft, den man traditionellerweise mit der Beherrschung künstlerischer Techniken, der Vollendung von Stilen sowie der Bildung von Schulen und dem Heranziehen von Nachfolgern in Zusammenhang bringt, wird hier auf die Literaturproduktion von Frauen übertragen. Aus einer Fülle von Texten und Autorinnen wird eine strenge Auswahl getroffen mit dem Ziel, einem von männlichen Autorennamen geprägten Kanon einen Korpus von Texten entgegenzustellen, ohne den unsere Wahrnehmung des literarischen Lebens im 20. Jahrhundert unvollständig bliebe. Die 20 Beiträge sind alphabetisch geordnet und haben einführenden Charakter. Sie folgen alle dem gleichen Aufbau Im Mittelpunkt steht jeweils ein Werk - ein Gedicht, ein Zyklus, eine Erzählung, ein Roman oder ein Drama -, das unter dem Aspekt der Meisterschaft interpretiert wird. Eine Einordnung in das Gesamtwerk der Autorin und in den zeitgenössischen Kontext wird ebenso vorgenommen wie Überlegungen zu Traditionsbezügen und literarischen Impulsen, die von dem Werk ausgehen, angestellt werden.
Buch:
Tabu: Interkulturalität und Gender
Ausgabe vom 1. Sept. 2008, Broschiert, Verkaufsrang 1127501