Aus der Amazon.de-Redaktion Die katholische Kirche, allen voran der damalige Papst Pius XII., hat vor der Herausforderung des europäischen Faschismus im Allgemeinen und des deutschen Nationalsozialismus im Besonderen politisch wie moralisch kläglich versagt. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Denn darüber ist seit Ende des Zweiten Weltkriegs viel geforscht und geschrieben worden. Schon 1963 hat Rolf Hochhuth in seinem Stück Der Stellvertreter Pius XII. eindrucksvoll seiner Heiligkeit entkleidet. Mit der These allein, dass die katholische Kirche wegen ihrer unentschiedenen Haltung gegenüber den Nazis größte Schuld auf sich geladen hat, würde Daniel Jonah Goldhagen deshalb auf keine große Resonanz stoßen. Aber sein Buch wird großen Erfolg haben - und zwar vor allem aufgrund der kalkulierten Provokation, die schon für den Erfolg des ersten Goldhagen-Buchs verantwortlich war. Waren es in Hitlers willige Vollstrecker "die ganz gewöhnlichen Deutschen", die Goldhagen als die eigentlichen Schuldigen am Holocaust ausmachte, weil sie diesen nicht nur duldeten, sondern wollten, so sind es diesmal die gewöhnlichen (katholischen) Christen (nicht nur in Deutschland!), deren Glauben dem Holocaust ein theologisches Fundament lieferte - und die sich aus religiösen Motiven auch aktiv an der Vernichtung der Juden beteiligten. Schließlich ächteten "die Christen" seit jeher "die Juden" als Mörder ihres Messias. Die selbstgerecht vorgetragene Zweifellosigkeit, mit der Goldhagen für sein erhabenes Recht plädiert, von einer unangreifbaren Warte aus endgültig über Gut und Böse, Schuld und Verstrickung zu richten, provoziert gewiss. Dies wäre nicht weiter ärgerlich. Sie tut dies jedoch in einem Ausmaß, das eine vorurteilsfreie Lektüre des gesamten Buches vielen unmöglich machen dürfte. Denn nicht nur Christen dürfte die präventive Aggressivität aufstoßen, mit der der Autor vor allem in der 40 Seiten starken Einführung zu erwartende Kritik im Vorgriff moralisch zu diskreditieren versucht. Dessen ungeachtet aber verdienen die These von einer theologischen Fundierung des Holocausts und die Goldhagen'sche Kritik der christlichen Dogmatik diskutiert zu werden - auch dann, wenn man seinen Vorschlag, man solle das Neue Testament von antijüdischen Stellen reinigen, wohl eher befremdet belächeln wird. Deshalb zum Abschluss ein Hinweis: Wer sich mit dem Thema, nicht aber mit Goldhagen auseinander setzen will, dem sei die sehr viel unaufgeregtere, dafür aber besser recherchierte Studie Pius XII and the Holocaust: Understanding the Controversy von José Sánchez empfohlen. Die deutsche Übersetzung ist im Frühjahr 2003 bei Schöningh erschienen. -Andreas Vierecke 1
Buch:
Hitlers willige Vollstrecker - Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust
Autor:
Daniel Jonah Goldhagen, Ausgabe vom Mai 1998, Taschenbuch, Verkaufsrang 376226