Engel. Nichts ist für die Figuren des 51-jährigen amerikanischen Autors Denis Johnson erstaunlicher als der Umstand, noch nicht gestorben zu sein. In der Erzählung "Ruhige Hände im Städtischen Krankenhaus Seattle" aus dem fulminanten Sammelband Jesus' Sohn (1992) wundert sich ein von Kugeln nahezu durchsiebter Patient zu Recht darüber, überhaupt überlebt zu haben. Und in "Frei gegen Kaution" ist der Ich-Erzähler mehr als überrascht, anders als seine Freunde "nicht tot zu sein". Vine hieß Johnsons apokalyptisches Zwischenreich in Jesus' Sohn; im grandiosen Roman Schon tot (2000) ist es die Weite Kaliforniens, durch die der von Killern gejagte Protagonist - mit der paradox erscheinenden Behauptung, bald tot zu sein und doch alle überleben zu können - fahren kann. Auch in Johnsons Roman Engel, der jetzt nach acht Jahren erstmals auf Deutsch erschienen ist, gibt es kein Entkommen aus dem Gefängnis dieser Welt - nur mit dem Unterschied, dass es sich bei den meisten Figuren hier um lauter menschliche Zombies handelt. Dies gilt vor allem für den bärtigen Alten, den die junge Jamie kennen lernt, nachdem sie ihren untreuen Ehemann gemeinsam mit den ungeliebten Kindern verlassen hat: "sein Gesicht schien an ihm wegzufaulen", heißt es dort. Jetzt ist Jamie mit dem sympathischen, aber unberechenbaren Kleinganoven Bill zusammen, den sie zufällig auf ihrer Flucht im Greyhound-Bus getroffen hat. Von nun an sind beide auf der Flucht: vor der Vergangenheit, vor der Polizei, vor dem grotesken Leben - und vor dem Tod. Der holt beide am Ende doch noch ein, und zwar auf dramatische Art und Weise. Aber eigentlich waren Jamie und Bill ja die ganze Zeit nicht mehr von dieser Welt, auch wenn sie eher Engel als Zombies gewesen sind. Wie Schon tot ist auch Engel ein irre wuchtiges Roadmovie, das literarisch zwischen Pathos und Groteske, Erkenntnisthriller und Schauerroman angesiedelt ist - und in eine Reihe mit T.C. Boyles World's End und den großen Werken Thomas Pynchons gehört. Auch mit Engel bleibt Johnson die eigentliche Wiederentdeckung der letzten beiden Jahre. -Thomas Köster
Buch:
Der Name der Welt
Autor:
Denis Johnson, Ausgabe vom 1. Nov. 2008, Taschenbuch, Verkaufsrang 745273
Fiskadoro Denis Johnson, geboren in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers, aufgewachsen in Tokio und auf den Philippinen, wurde mit seinem ersten, 1985 erschienenen Roman Angels auf einen Schlag berühmt; nach drei weiteren Romanen und der lengendären Short-Story-Sammlung Jesus' Son gilt er heute als einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Spätestens mit der deutschen Ausgabe seines 1997 erschienen Romans Already Dead. A California Gothic (Schon tot) wurde Johnson auch hier zu Lande gefeierter Kritikerliebling. Grund Genug für den Rowohlt Verlag, Johnsons bereits 1990 auf Deutsch bei Limes erschienenes Frühwerk Fiskadoro in einer neu durchgesehenen Fassung herauszubringen. Diesmal entführt uns Johnson in eine Pazifik-Welt, die seltsamerweise - trotz allenthalben durchs Bild stolpernder genmutierter Krüppel und rauchender Fässer mit kontaminiertem Kerosin - Züge einer tropischen Idylle trägt: Auf den Florida Keys, zwei Generationen nach einem dritten, diesmal nuklearen Weltkrieg, versuchen Überlebende diverser Ethnien und Kulturkreise, wieder zu einer gemeinsamen Form von Kultur zurückzukommen. Wir werden Zeuge einer ungewöhnlichen Freundschaft: Der 14-jährige Fiskadoro, dessen Vater Jimmy Hidalgo beim Fischfang auf See tödlich verunglückt, sucht die Nähe zu Mister Cheung, Manager des "Sinfonieorchesters von Miami", eines zappaesken Haufens aus kiffenden Rasta-Gitarristen, Streichern, Bläsern und Bluesern, der in einem alten Fluzeughangar probt. Beide teilen die Liebe zum Klarinettenspiel, für Cheung eine Art Meditation und der Versuch, die im Nuklearblitz untergegangene andere Zeit, "die große Zivilisation der Helikopter und Schnellboote und Tanzpartys auf dem Dach fünfhundert Meter hoher Gebäude" zurückzuholen. Johnson gelingen Bilder von bestürzender Intensität; der Text bordet über von bizarren Geschichten: Jene etwa von Cheungs mehr als 100-jähriger Großmutter Wright, die sich als junges Mädchen aus dem von den Amerikanern aufgegebenen Saigon rettete - ein hysterischer Tanz aus Tod, Wahnsinn und Rock'n'Roll. Fiskadoro ist ein aufregendes Buch, das Buch eines modernen Herman Melville, der sich unbekümmert durch Fahrenheit 451, Star Wars und Apokalypse Now sampelt und sich dabei mit einer gehörigen Portion LSD zudröhnt - aus den Boxen wimmert Hendrix' Gitarre "Star Sprangled Banner". Johnsons post-apokalyptische Parabel, vor fast 20 Jahren aufgeschrieben, hält dem heutigen Amerika einen perfekten Spiegel entgegen. -Niklas Feldtkamp
Buch:
Jesus' Sohn
Autor:
Denis Johnson, Ausgabe vom 1. Okt. 2007, Taschenbuch, Verkaufsrang 180565
Jesus Sohn Hin und wieder ist das Rezensieren ein unangenehmes Geschäft. Warum? Man ist positiv voreingenommen - hat die Verbeugung fast schon einstudiert - und sieht sich angesichts des Dargebotenen plötzlich nicht nur außerstande zu loben, sondern vielmehr genötigt, unangenehme Dinge zu sagen. Der Reihe nach. Alexander Fest ist ein großartiger Verleger. Als er noch sein eigener Chef war, konnte man quasi unbesehen seine Bücher kaufen. Wo Fest draufstand, war Qualität drin. Er hatte einen Riecher für Erfolg (Jonathan Franzen) und brachte Autoren heraus, die erst keiner haben wollte und dann jeder toll fand (Georg Klein). Auch Denis Johnson ist so ein Fall. Zunächst bei Ullstein, Limes und später bei Suhrkamp verlegt, schaffte "der schwarze Romantiker unter Amerikas Apokalyptikern" (Die Weltwoche) den Durchbruch in Deutschland erst nach seinem Wechsel zu Fest. Und so ist es nur recht und billig, dass der Rowohlt-Verlag (wo Alexander Fest mittlerweile Verlagsleiter ist) nach Romanen wie Schon tot, Engel und Fiskadoro nun auch eine Neuübersetzung jener Kurzgeschichten-Sammlung herausbringt, die Johnsons Ruhm in den USA begründete (und später auch verfilmt wurde): Jesus? Son. Man kann verstehen, dass sich Alexander Fest vorbehalten hat, dieses Buch selber zu übersetzen. Zumal er als genauer Leser und sensibler Lektor gilt. Umso erstaunlicher daher, wie holprig seine Übersetzung daherkommt: Da gibt es eine Figur, die sich selbst umklammert, eine andere biegt um die Klimaanlage (soll heißen: taucht jenseits derselben auf). Und eine dritte Person steigt in den Bus ein "und saß auf dem Plastiksitz". Selbst wenn man nicht weiß, dass "sit" nicht nur "sitzen", sondern auch "sich setzen" heißen kann - ein Lektor müsste über so etwas stolpern. Wären es nur zwei, drei Holprigkeiten - die sich in jeder Übersetzung finden - könnte man den Mantel des Schweigens darüber breiten, aber leider finden sich auf jeder dritten Seite Stilblüten wie "Ich drückte sie mit der Wange auf den Teppich" (über eine auf dem Boden liegende Frau) oder "Einen Moment lang schlief ich ein". (Man kann entweder "einen Moment lang schlafen" oder "für kurze Zeit einschlafen".) Konjunktive wie in "Nehmt an, ihr triebt zusammengerollt in etwas Dunklem" erzeugen eine Sperrigkeit, die das Original nicht hat. ("Think of being curled up and floating in a darkness"). Und wieso kann man eine lakonische Feststellung wie "That?s what we were after. We intended to sell the copper wire for scrap" nicht ebenso schlicht übersetzen: "Denn das war unser Plan. Wir wollten den Kupferdraht als Schrott verkaufen." Stattdessen steht da: "Denn das war?s, was wir wollten. Unser Plan war, den Kupferdraht als Gebrauchtmetall zu verkaufen." Ein Schrotthändler braucht den Blick dafür, welches Material sich weiterverwenden lässt. Auch ein Lektor muss dieses Auge haben. -Carl Hour
Buch:
Wiederbelebung eines Gehängten
Autor:
Denis Johnson, Ausgabe vom 1994, Gebunden, Verkaufsrang 779522