Günter Grass, Ausgabe vom 1. Dez. 1993, Taschenbuch, Verkaufsrang 9407
Nachdem sich der vor der Gendarmerie flüchtende Brandstifter Joseph Koljaiczekauf einem kaschubischen Kartoffelacker unter den Röcken Anna Bronskis versteckthatte, bringt diese neun Monate später ihre Tochter Agnes zur Welt. Späterheiratet Agnes den arglosen Rheinländer Alfred Matzerath, obwohl sie zugleicheine erotische Beziehung zu ihrem Vetter Jan führt. Ihr Kind Oskar Matzerath,gezeugt von Jan, erblickt 1924 das Licht dieser Welt in Gestalt zweierSechzig-Watt-Glühbirnen. Von Beginn an durchschaut er die Erwachsenenweltund beschließt an seinem dritten Geburtstag, an dem er eine Blechtrommelgeschenkt bekommt, durch einen beabsichtigten Sturz von der Kellertreppesein Wachstum einzustellen. Seine Größe, sein infantiles Benehmen und seineBlechtrommel täuschen über Oskars geistige und körperliche Reife hinweg,früh meldet sich sein sexuelles Begehren. Er erlebt die Machtergreifungder Nationalsozialisten, die Reichskristallnacht und den Kriegsausbruch.Seiner Familie bringt Oskar nur wenig Glück Am Tod seiner Mutter sowieseiner beiden Väter ist er nicht ganz unschuldig. Bei Kriegsende beschließtOskar Matzerath wieder zu wachsen, doch ist dieses Vorhaben nur mäßig erfolgreichZwar wächst er tatsächlich einige Zentimeter, doch drückt sich seine Schuldnun auch äußerlich durch Verwachsungen aus, insbesondere durch einen Buckel.Mit seinem Kindermädchen Maria, der er vermutlich ein Kind geschenkt hat,zieht er nach Düsseldorf, wo er als Jazzschlagzeuger ein reicher Mann wird.Der Ermordung einer Krankenschwester angeklagt, wird er in ein Irrenhauseingeliefert. Für viele war wohl die großartige Schlöndorff-Verfilmung Anlaß, nun endlich auch einmal das Buch zur Hand zu nehmen. Erstaunlich. Beim Lesen nehmen augenblicklich die Filmfiguren ihre Plätze ein. Das spricht für Schlöndorff. Nicht auszudenken, hätte man die Aufgabe einem minderen Regisseur übertragen. Dann stünde uns jetzt bei Alfred Matzerath statt Adorf vielleicht Joachim Fuchsberger vor Augen. Grass nimmt sich in seinem nach wie vor erfolgreichsten Buch Die Blechtrommel alle Zeit der Welt. Kaschubische Weiten, Kartoffeläcker und das Danzig um die Jahrhundertwende werden episch vor uns ausgebreitet. Anders als im Film, endet Oskar in der Irrenanstalt und erzählt nun als 30jähriger seine Geschichte. Ein deutsches Fresko. Weltgeschichte von unten, aus den Augen des kleinen Oskar Matzerath gesehen, der an seinem dritten Geburtstag beschließt, sich der Erwachsenenwelt zu entziehen und von nun an nicht mehr weiterzuwachsen. Man schenkt ihm eine Blechtrommel, die sein lebenslänglicher Begleiter sein wird. Oskar hat nun die Freiheit des Narren. Er stört, er mahnt und kommentiert, einem Rufer in der Wüste gleich, mit seiner kleinen Blechtrommel die schlimmsten Jahre unseres Jahrhunderts. 1958, bei seinem Erscheinen, war der Roman ein sofortiger Erfolg. Fast schon ein Fluch für einen Schriftsteller, mit seinem zweiten Werk Weltberühmtheit zu erlangen, nur um anschließend ein Leben lang an dieser Leistung gemessen zu werden. -Ravi Unger
Buch:
Beim Häuten der Zwiebel
Autor:
Günter Grass, Ausgabe vom 1. Mai 2008, Taschenbuch, Verkaufsrang 33645
Beim Häuten der Zwiebel Das im Vorfeld seiner Erinnerungen Beim Häuten der Zwiebel bekannt gewordene Bekenntnis des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Günter Grass, im Alter von 17 Jahren kurz bei der Waffen-SS gewesen zu sein, hat im Blätterwald der Feuilletons viel Staub aufgewirbelt. Vor allem die späte Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit machte den Kritikern offenbar zu schaffen. Jetzt, sagte Grass, sei die Zeit einfach reif dafür gewesen, dieses lang verdrängte Trauma niederzuschreiben. Wer Beim Häuten der Zwiebel aufmerksam liest, kann die Gründe hierfür - und damit Grass - besser verstehen. Die Passage von der Zeit bei der Waffen-SS ist nur ein Bruchteil des fast 500 Seiten dicken Buchs. Es schildert die Kindheit und Jugend des Schriftstellers bis zum Erscheinungsjahr seines hoch gelobten und längst zum Klassiker avancierten Debütromans Die Blechtrommel. Es geht um die Liebe zu seiner Mutter, die den Wunsch, Künstler zu werden, unterstützte, seine Verwirklichung durch ihren frühen Krebstod aber nicht mehr erlebte,. Es geht um Hitlers Überfall auf Polen, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs und das Ende von Grass? Kindheit bedeutete. Es geht um die Zeit als ideologiegläubiger Hitlerjunge, Luftwaffenhelfer und Kriegsgefangener. Und es geht nicht zuletzt um die Pariser Jahre, in denen die Blechtrommel entstand. Vor allem aber geht es auch darum, "was alles geschehen musste, um diese Sperre vor der Sprache abzubauen, bis es dann zu den Wortkaskaden der ?Blechtrommel? kommt". Dass dies auf verschiednen Zeit- und Reflexionsebenen und mit Hilfe einer überaus eigenwilligen Sprache geschieht, versteht sich bei Grass von selbst. Grass liebt poetologische Metaphern. In der Novelle Katz und Maus war es die Katze, die mit ihren Streifzügen den "lauernden", jederzeit die Richtung wechselnden Geschichtsverlauf symbolisch fasste. Bei Im Krebsgang diente der seitliche, mögliche Feinde täuschende Gang des Krebses als Bild für den vorsichtig abwägenden Erzählfluss. Beim Häuten der Zwiebel nun hat Grass diese Vorsicht ein Stück weit aufgegeben. Denn seine Erinnerungen sind ein ehrliches, offenes Buch, bei dem sich sogar ein Teil der Figurenwelt wie Oskar Matzerath aus der Blechtrommel selbstständig macht und Dichtung und Wahrheit ein ums andere Mal ineinander fließen. Auch wenn Grass, sprachverspielt wie er nun einmal ist, seine Biografie nicht gänzlich entblößt, sondern im permanenten Oszillieren mit der Fiktion selbst die Erinnerung wieder ein wenig als Phantasie entlarvt, bietet Beim Häuten der Zwiebel auf literarisch hohem Niveau vielfach Gelegenheit, sich mit dem Werden eines großen Autors auseinander zu setzen. Und beim langsamen Entblättern der Gedächtnisschichten wird einem plötzlich klar, wie viel Autobiografisches sich im literarischen Werk verbirgt. -Thomas Köster
Buch:
Die Box: Dunkelkammergeschichten
Autor:
Günter Grass, Ausgabe vom Sept. 2008, Gebunden, Verkaufsrang 59024
Im Krebsgang. Es war die größte Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt: Am 30. Januar 1945 verließ das ehemalige Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrtschiff "Wilhem Gustloff" mit 6.100 Flüchtlingen an Bord Gotenhafen und wurde vor Stolpermünde von einem sowjetischen U-Boot aufgebracht. Drei der kommunistischen Heimat und ihrem Diktator gewidmete Torpedos durchbohrten das Schiff, das in knapp einer Stunde versank; mehr als 5.000 Menschen kamen ums Leben. Ein Untergang nach dem Untergang: Das Tausendjährige Reich war längst Geschichte, und Roosevelt bereits auf dem Weg nach Jalta, um mit Stalin und Churchill die neuen Grenzen abzustecken. Die Tragödie in der Ostsee hat Günter Grass seit jeher interessiert. In Romanen wie Katz und Maus und Die Rättin wird erwähnt, dass die Nebenfigur der Tulla Pokriefke das Unglück knapp überlebte. Nun hat der Autor dem Ereignis auf hoher See eine historische, dabei aktuell-brisante Novelle gewidmet. In Im Krebsgang wird der Sohn von Tulla beauftragt, die längst vergessene Geschichte aus den Fluten des kollektiven Gedächtnisses zu bergen. Eher widerwillig recherchiert der Journalist und Ich-Erzähler im Internet, tummelt sich in den abstrusen Chatrooms der Neonazis, beleuchtet die Biografien des Schweizer NS-Landesgruppenführers Wilhelm Gustloff, seines jüdischen Attentäters David Frankfurter und des U-Bootkommandanten der sowjetischen Rotbannerflotte Alexander Marinesko - und versucht sich schließlich im Erzählprozess ganz "an Bord der 'Gustloff' zu denken", um die tödliche Katastrophe vor den Augen seiner Leser wieder lebendig werden zu lassen. Dabei fördert er ein menschliches Drama zu Tage, das bis in unsere Gegenwart hineingreift und nicht zuletzt seine eigene Familie betrifft. In Katz und Maus war die durch das Dickicht der Wiesen streifende Katze Metapher eines vorsichtig neugierigen, "lauernden" und ständig die Richtung wechselnden Erzählens. In Grass' neuer Novelle ist es der seitliche, mögliche Feinde täuschende Gang des Krebses, der die stetig zwischen Gestern und Heute wechselnde Erzählperspektive symbolisiert und dem großartigen schmalen Band seinen Namen gab. Entgegen der Bescheidenheit des Ich-Erzählers ("ich berichte nur") ist Grass endlich wieder ein kleines Meisterwerk gelungen. Spannend verwoben, kunst- und humorvoll zugleich. -Thomas Köster
Buch:
Bilder meines Lebens
Autor:
Mario Adorf, Peter Berling, Helmut Dietl, Günter Grass, Ausgabe vom 2005, Gebunden, Verkaufsrang 349613
Buch:
Katz und Maus: Eine Novelle
Autor:
Günter Grass, Ausgabe vom 1. Sept. 1993, Taschenbuch, Verkaufsrang 45277
Physiognomisches Kennzeichen des ewigen Außenseiterdaseins des GymnasiastenJoachim Mahlke ist sein überdimensionaler Adamsapfel, eine körperlicheMissbildung, die er durch Übererfüllung der sozialen Leistungsnormen auszugleichensucht, sei es durch halsbrecherische Mutproben, sportliche Rekorde oderHöchstleistungen auf sexuellem Gebiet. Auch verdeckt Mahlke seinen Mangelmit einem polnischen Orden, mit einem Medaillon, sogar mit einem Schraubenzieher,schließlich mit einem Ritterkreuz, das er einem Leutnant stiehlt, der früherdie gleiche Schule wie er besuchte. Aufgrund dessen der Schule verwiesen,sucht Mahlke verzweifelt sich durch eine steile Militärkarriere zu rehabilitieren.Doch als ihm, durch besondere Tapferkeit an der Ostfront inzwischen selbstRitterkreuzträger, wegen seines früheren Fehltritts seine eigene Rede vorden Schülern seines ehemaligen Gymnasiums verwehrt wird, kehrt er verzweifeltnicht mehr zur Truppe zurück, verunglückt vermutlich beim Tauchen im Wrackeines gekenterten Kriegsschiffes und bleibt verschollen. "Ich halte die Figur des 'Großen Mahlke' für eine der ergreifendsten und glaubhaftesten Jungen-Gestalten in der modernen Dichtung", jubelte einst Walter Jens. Daran hat sich auch über 40 Jahre nach der ersten Veröffentlichung von Katz und Maus wenig geändert. Immer noch wirkt die Geschichte von Joachim Mahlke, diesem Außenseiter mit dem überdimensionierten Adamsapfel, frisch und von überwältigender Sprachmacht. Umso mehr, wenn sie wie in dieser Aufnahme aus dem Jahre 1981 - damals live gelesen vor einer Berliner Schulklasse im Grass'schen Atelier - vom Autor selbst präsentiert wird. Dass Günter Grass wie kaum ein zweiter Schriftsteller auch ein begnadeter Interpret eigener Texte ist, wissen wir spätestens seit seiner grandiosen Lesung der Blechtrommel. Katz und Maus macht da keine Ausnahme. Und deshalb nimmt man in Kauf, dass die Tonqualität der Aufnahme in diesem Fall nicht ganz allerhöchsten Ansprüchen genügt. Dem einzigartigen Hörerlebnis tut dies keinerlei Abbruch. Überzeugen kann auch die schön gestaltete Box und das ausführliche Begleitheft, das neben einer Übersicht über Leben und Werk des Autors auch einen sehr guten einleitenden Essay von Helmut Frielinghaus enthält, der noch einmal an die heute absurd erscheinenden Diskussionen der 60 Jahre, ob das Werk pornografisch, blasphemisch oder allgemein jugendgefährdend sei, erinnert. Heute weiß man: Es ist einer der Texte des Nobelpreisträgers, die überdauern werden. -Christian Stahl Spieldauer: ca. 287 Minuten, 4 Audiokassetten, ungekürzte Lesung, Aufnahme in Mono.
Buch:
Hundejahre: Roman
Autor:
Günter Grass, Ausgabe vom 1. Sept. 1993, Taschenbuch, Verkaufsrang 60267
Product Description "Drei Erzähler schreiben zur Jahreswende 1960/61 gleichzeitig die dreiBücher des 1963 erschienenen Romans und werden so in Vorkriegs-, Kriegs-und Nachkriegszeit Chronisten der 'Hundejahre' unseres Jahrhunderts; EddiAmsel, das Opfer, Harry Liebenau, der Zeuge, und Walter Matern, der Täter.Deutsche Schäferhunde, von einer litauischen Wölfin als Urahnin bis zuHitlers Lieblingshund, die Mädchen Tulla und Jenny und ein Reigen vonVogelscheuchen begleiten sie auf ihrer Odyssee von Danzig nach Westdeutschland,bis hinab in die Unterwelt. Der Roman endet in einem Bergwerk, in dem derKünstler Amsel alias Brauchsel seine weltweit begehrten Vogelscheuchenindustriell herstellt und so die reale Welt als Unterwelt entlarvt DerOrkus ist oben und die Vogelscheuche ist nach dem Bilde des Menschen geschaffen.'Die Reise von Danzig in die Seuchengrube verwandelt den Leser; nicht daßer Rache üben wollte wie der Komödiant Matern, Gott sei vor, doch er neidetdem Harry die Tulla, dem Eduard die Jenny, dem Schulmeister die Lutscherund dem Grass die Phantasie.'"
Buch:
Mein Jahrhundert
Autor:
Günter Grass, Ausgabe vom 1. April 2001, Taschenbuch, Verkaufsrang 97543
'Ich, ausgetauscht gegen mich, bin Jahr für Jahr dabeigewesen.'Die verschiedenenMenschen, denen Günter Grass hier seine Stimme leiht, sind Männer und Frauenaus allen Schichten, alte und junge, linke und rechte, konservative undfortschrittliche. Sie gehören nicht zu denen, die Geschichte machen, sondernzu denen, die als Zeugen Geschichte erleben und erleiden. In den ernstenund komischen, heiteren und tragischen Begebenheiten, die sie erzählen,spiegeln sich die großen historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts widertechnische Errungenschaften und wissenschaftliche Entdeckungen, sportlicheund kulturelle Leistungen, Größenwahn, Verfolgung und Mord, Kriege undKatastrophen, Fanatismus und hoffnungsvolle neue Aufbrüche. Redet hier das Jahrhundert selbst? Je mehr man blättert, desto stärker wird die Sogwirkung. Ein schweres Buch. Aber auch wieder sehr leicht. Aber doch wieder so schwer, daß es am liebsten an einem Stehpult gelesen werden möchte. Wie seltsam. Wie schön. Günter Grass schlüpft in Rollen. Behutsam werden wir von ihm durch das zu Ende gehende Jahrhundert geführt, Grass zeichnet es nach - Jahr für Jahr - ein Aquarell, eine Geschichte. Nicht die Großereignisse liegen ihm am Herzen. Es sind die Nebenschauplätze, die er aufspürt, oft scheinbar Unwesentliches, das bei näherer Betrachtung aber schlagartig zur Erhellung des Ganzen beiträgt. Es sind die Sabotagegedanken eines verzweifelten Bordmechanikers während des demütigenden Fluges zur Übergabe des Luftschiffs LZ126 als Reparationszahlung an die Amerikaner 1924. Das Essay über die ideologische Bredouille des linken Lehrerehepaars, dessen Anzeige bei der Polizei 1972 zur Verhaftung Ulrike Meinhofs führte, ist eines der beklemmendsten und feinstbeobachteten in diesem Buch. Über die furchtbaren Weltkriegsjahre 1914-1918 schwadronieren im edlen Züricher Café die Autoren Remarque und Jünger im Beisein einer jungen Schweizerin. Schnell gerät man sich in die Haare über Stahlhelmqualitäten und Feinheiten des Gaskrieges an der Westfront. Grass läßt das Gespräch Mitte der 60er Jahre stattfinden und plötzlich wird bedrückend klar, wo die Herren noch immer zu Hause sind und es wohl auf immer und ewig sein werden. Die Episode nimmt eine wahrhaft schaurige Wendung, als die junge Eidgenossin in einem kleinen Nebensatz zu erkennen gibt, dieses Gespräch im Rahmen einer Forschungsarbeit für eine der größten Schweizer Waffenschmieden zu führen. Die Geschichten wollen nicht enden. Es gäbe noch so viel zu erzählen. Von Jankele, dem jüdischen Glaser, der das Panzerglas für Eichmanns Zelle anfertigte und nun im Gerichtssaal über seine getötete Familie reflektiert, und, und, und. Gegen Ende schlüpft Grass gar noch in Birgit Breuels Kleider. Er konnte nicht anders. Sein Lieblingshaßobjekt. In einer wunderbar entlarvenden Rechtfertigungssuada läßt er die Treuhanddame lamentieren über jenen deutschen Großdichter, der sich erdreistet, sie in seinem geplanten Roman mit der Figur eines anderen Großen, Fontane, zu vergleichen. "Nur weil eine gewisse Frau Jenny Treibel es genau wie ich verstanden hat, das Geschäftliche mit der Poesie zu verbinden. Aber sollte dennoch alles schiefgehen, man hat ja noch den Familienbesitz mit Elbblick!" Dazu Grass´ aquarellierte Hand, aus der Menschlein wie geknickte Streichhölzer rieseln. Getroffen! Vielleicht läßt der eine oder andere Käufer ja diesmal seine obligate Geschenkidee, "Unser Jahrhundert im Bild" auf dem Wühltisch am Kaufhauseingang liegen. Mein Jahrhundert ist ebenso reich an Bildern, keine Königshochzeiten zwar, aber Geschichten und Aquarelle von einer Kraft, die jeden halbwegs sensiblen Leser so schnell nicht mehr losläßt. -Ravi Unger Der Text bezieht sich auf die illustrierte Version des Buches
Günter Grass, Ausgabe vom Febr. 2002, Gebunden, Verkaufsrang 2536
Leineneinband mit Schutzumschlag, 216 Seiten, sehr guter Zustand. Es war die größte Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt: Am 30. Januar 1945 verließ das ehemalige Kraft-durch-Freude-Kreuzfahrtschiff "Wilhem Gustloff" mit 6.100 Flüchtlingen an Bord Gotenhafen und wurde vor Stolpermünde von einem sowjetischen U-Boot aufgebracht. Drei der kommunistischen Heimat und ihrem Diktator gewidmete Torpedos durchbohrten das Schiff, das in knapp einer Stunde versank; mehr als 5.000 Menschen kamen ums Leben. Ein Untergang nach dem Untergang: Das Tausendjährige Reich war längst Geschichte, und Roosevelt bereits auf dem Weg nach Jalta, um mit Stalin und Churchill die neuen Grenzen abzustecken. Die Tragödie in der Ostsee hat Günter Grass seit jeher interessiert. In Romanen wie Katz und Maus und Die Rättin wird erwähnt, dass die Nebenfigur der Tulla Pokriefke das Unglück knapp überlebte. Nun hat der Autor dem Ereignis auf hoher See eine historische, dabei aktuell-brisante Novelle gewidmet. In Im Krebsgang wird der Sohn von Tulla beauftragt, die längst vergessene Geschichte aus den Fluten des kollektiven Gedächtnisses zu bergen. Eher widerwillig recherchiert der Journalist und Ich-Erzähler im Internet, tummelt sich in den abstrusen Chatrooms der Neonazis, beleuchtet die Biografien des Schweizer NS-Landesgruppenführers Wilhelm Gustloff, seines jüdischen Attentäters David Frankfurter und des U-Bootkommandanten der sowjetischen Rotbannerflotte Alexander Marinesko - und versucht sich schließlich im Erzählprozess ganz "an Bord der 'Gustloff' zu denken", um die tödliche Katastrophe vor den Augen seiner Leser wieder lebendig werden zu lassen. Dabei fördert er ein menschliches Drama zu Tage, das bis in unsere Gegenwart hineingreift und nicht zuletzt seine eigene Familie betrifft. In Katz und Maus war die durch das Dickicht der Wiesen streifende Katze Metapher eines vorsichtig neugierigen, "lauernden" und ständig die Richtung wechselnden Erzählens. In Grass' neuer Novelle ist es der seitliche, mögliche Feinde täuschende Gang des Krebses, der die stetig zwischen Gestern und Heute wechselnde Erzählperspektive symbolisiert und dem großartigen schmalen Band seinen Namen gab. Entgegen der Bescheidenheit des Ich-Erzählers ("ich berichte nur") ist Grass endlich wieder ein kleines Meisterwerk gelungen. Spannend verwoben, kunst- und humorvoll zugleich. -Thomas Köster
Buch:
Beim Häuten der Zwiebel
Autor:
Günter Grass, Ausgabe vom Aug. 2006, Gebunden, Verkaufsrang 26867
1. Auflage. Hardcovereinband mit Schutzumschlag, 479 Seiten, sehr gutes Exemplar. Das im Vorfeld seiner Erinnerungen Beim Häuten der Zwiebel bekannt gewordene Bekenntnis des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Günter Grass, im Alter von 17 Jahren kurz bei der Waffen-SS gewesen zu sein, hat im Blätterwald der Feuilletons viel Staub aufgewirbelt. Vor allem die späte Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit machte den Kritikern offenbar zu schaffen. Jetzt, sagte Grass, sei die Zeit einfach reif dafür gewesen, dieses lang verdrängte Trauma niederzuschreiben. Wer Beim Häuten der Zwiebel aufmerksam liest, kann die Gründe hierfür - und damit Grass - besser verstehen. Die Passage von der Zeit bei der Waffen-SS ist nur ein Bruchteil des fast 500 Seiten dicken Buchs. Es schildert die Kindheit und Jugend des Schriftstellers bis zum Erscheinungsjahr seines hoch gelobten und längst zum Klassiker avancierten Debütromans Die Blechtrommel. Es geht um die Liebe zu seiner Mutter, die den Wunsch, Künstler zu werden, unterstützte, seine Verwirklichung durch ihren frühen Krebstod aber nicht mehr erlebte,. Es geht um Hitlers Überfall auf Polen, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs und das Ende von Grass? Kindheit bedeutete. Es geht um die Zeit als ideologiegläubiger Hitlerjunge, Luftwaffenhelfer und Kriegsgefangener. Und es geht nicht zuletzt um die Pariser Jahre, in denen die Blechtrommel entstand. Vor allem aber geht es auch darum, "was alles geschehen musste, um diese Sperre vor der Sprache abzubauen, bis es dann zu den Wortkaskaden der ?Blechtrommel? kommt". Dass dies auf verschiednen Zeit- und Reflexionsebenen und mit Hilfe einer überaus eigenwilligen Sprache geschieht, versteht sich bei Grass von selbst. Grass liebt poetologische Metaphern. In der Novelle Katz und Maus war es die Katze, die mit ihren Streifzügen den "lauernden", jederzeit die Richtung wechselnden Geschichtsverlauf symbolisch fasste. Bei Im Krebsgang diente der seitliche, mögliche Feinde täuschende Gang des Krebses als Bild für den vorsichtig abwägenden Erzählfluss. Beim Häuten der Zwiebel nun hat Grass diese Vorsicht ein Stück weit aufgegeben. Denn seine Erinnerungen sind ein ehrliches, offenes Buch, bei dem sich sogar ein Teil der Figurenwelt wie Oskar Matzerath aus der Blechtrommel selbstständig macht und Dichtung und Wahrheit ein ums andere Mal ineinander fließen. Auch wenn Grass, sprachverspielt wie er nun einmal ist, seine Biografie nicht gänzlich entblößt, sondern im permanenten Oszillieren mit der Fiktion selbst die Erinnerung wieder ein wenig als Phantasie entlarvt, bietet Beim Häuten der Zwiebel auf literarisch hohem Niveau vielfach Gelegenheit, sich mit dem Werden eines großen Autors auseinander zu setzen. Und beim langsamen Entblättern der Gedächtnisschichten wird einem plötzlich klar, wie viel Autobiografisches sich im literarischen Werk verbirgt. -Thomas Köster