Das Buch beschäftigt sich in interdisziplinärer Sicht auf der Basis neuester Forschungsergebnisse mit der Entwicklung des autobiographischen Gedächtnissystems, die erst mit dem Erwachsenenalter vollständig abgeschlossen ist. Seine Entstehung basiert auf einem komplexen Zusammenspiel hirnorganischer Reifungsvorgänge, sozialer Entwicklungsanreize und psychischer Entwicklungsschritte.Weil das Gehirn und mit ihm das Gedächtnis sich selbst erst in der Auseinandersetzung mit seiner physischen und sozialen Umwelt ausbildet und strukturiert, ist die Gehirn- und Gedächtnisentwicklung prinzipiell ein biosozialer Prozeß; organische und psychosoziale Reifung sind in der menschlichen Entwicklung lediglich unterschiedliche Aspekte ein und desselben Vorgangs. Die Autoren zeigen, daß die unfruchtbaren Dualismen von Gehirn und Geist, Natur und Kultur in interdisziplinärer Forschungsarbeit überwunden werden können. Sie liefern zugleich einen aktuellen Überblick über die Entstehung des menschlichen Gedächtnisses und einen Einstieg in ein neues Feld der Gedächtnis- und Erinnerungs forschung.These Schimpansen und Menschen haben 99% des genetischen Codes gemeinsam, sind aber zu 100% verschieden. Das liegt am autobiographischen Gedächtnis. Es wird gern zitiert: Der genetische Code von Mensch und Schimpanse stimmt zu 99 % überein. Doch was bedeutet das? Weniger, als oft vermutet wird, sagen die Autoren dieses Buches. Denn trotzdem sind Mensch und Schimpanse zu 100 % verschieden. Der Grund ist das, was den Mensch laut Markowitsch und Welzer erst zum Menschen macht: das autobiographische Gedächtnis. Doch was ist dieses autobiographische Gedächtnis, und wie entwickelt es sich beim Menschen? Darum geht es in diesem Buch, das die LeserInnen auf eine Reise durch die Welt der modernen Hirnforschung mitnimmt. Das autobiographische Gedächtnis ist eine Art Relais zwischen Individuum und Umwelt und stellt einen enormen Evolutionsvorteil dar. Denn es ermöglicht uns Handeln, das auf Auswahl und Timing basiert. Und es erlaubt uns, Gedächtnisinhalte (beispielsweise per Schrift) zu externalisieren und einander zugänglich zu machen. Dazu brauchen unsere Erinnerungen sowohl einen Ich-Bezug als auch eine emotionale Anbindung. Und wir müssen uns bewusst sein, dass wir uns erinnern, um Alternativen abwägen und dadurch handlungsfähiger sein zu können. Wie sich das dem Menschen eigene autobiographische Gedächtnis von der pränatalen Phase bis ins Alter entwickelt, das zeigen die Autoren detailliert. Ob Gedächtnisformen, Sprachentwicklung, die Entwicklung des Gehirns, neuroplastische Elastizität oder die Anlage-Umwelt-Diskussion: Markowitsch und Welzer bringen uns auf den aktuellen Stand zu diesen und weiteren nicht nur neurowissenschaftlichen Themen. Denn, so nicht nur ihre Überzeugung: Interdisziplinäre Forschung ist heute mehr denn je der Schlüssel zu weiterführenden Erkenntnissen. Dieses Buch ist aktuell, umfassend und gut verständlich, jedoch nicht immer einfach geschrieben. Ein Register fehlt leider. Dafür helfen die vielen grau hinterlegten Kästen mit Grafiken, Hintergrundinformationen und Übersichten beim Verstehen, und das Literaturverzeichnis ? für alle, die mehr wissen wollen ? ist enorm umfangreich. - Gabi Neumayer
Buch:
Die Anatomie des Bösen
Autor:
Hans-Georg von Arburg, Ulrike Enke, Roger Fayet, Hans J. Markowitsch, Susan Marti, Sigrid Oehler-Klein, Jutta Person, Harald Welzer, Philip G. Zimbardo, Ausgabe vom 3. Nov. 2008, Gebunden, Verkaufsrang 471421