Schmerznovelle. Helmut Kraussers Arbeit an der Schmerznovelle wird durch zahlreiche Tagebucheinträge dokumentiert. Diese belegen, dass der Autor sich bereits im Dezember 1999 intensiv mit dem Werk beschäftigt hat: Die Notizen oszillieren zwischen totaler Verzweiflung ("Habe nachts in Sachen Schmerznovelle total versagt", 8.12.1999) und beinahe grenzenlosem Optimismus ("Die Schmerznovelle könnte dein bestes Buch werden. Das Allerbeste", 9.12.1999). Krausser, der sich längst jenseits der Popliteratur in der deutschen Literaturszene etabliert hat, bezeichnet die Schmerznovelle als einen "Mysterythriller auf dem Gebiet der Psychopathia Sexualis, erweitert um essayistische Elemente", bei dem seine eigentliche Intention die Beschreibung des "schmalen Grats zwischen Erotik und Pornografie" ist. Weil sich die schmale Novelle rasch zu einem spannenden Krimi entwickelt, sei vom Plot nur wenig verraten: Der Protagonist und Erzähler - Wissenschaftler und Psychiater - besucht in einem mondänen österreichischen Badeort seinen einstigen Doktorvater, der ihm von einem besonders interessanten Fall, dem Ehepaar Palm, erzählt. Nach und nach erarbeitet er sich die obsessive Geschichte des Paares - bis er feststellt: Johanna Maria Palm und ihr Mann sind eine Person. Doch was ist so fesselnd an dieser traumatischen Persönlichkeitsspaltung, die dem Leser als eine sexuell aufgeladene Novelle präsentiert wird? Zunächst steht für den Erzähler das wissenschaftliche Interesse im Vordergrund: Er ist Analytiker und - wie vor ihm auch schon Max Frischs Homo Faber - gewohnt, die "Dinge so zu sehen, wie sie sind", was sich in einer möglichst objektiven Erzählperspektive ausdrücken sollte. Jedoch: In dem Maße, in dem der Erzähler sich mit aufklärerischem Impetus dem Fall annimmt, desto mehr verfällt er der wahnsinnigen Aura der Johanna Maria Palm, ohne am Ende noch zu wissen, ob er sie als Heiland erlösen oder aber sich in den dunklen Abgründen ihrer Psyche verlieren will - oder: ohne noch fähig zu sein, Wahn und Wirklichkeit voneinander zu unterscheiden und letztlich dazu beizutragen, den eigenen Verfall (als Protagonist und in der Folge als Erzähler) kontinuierlich voranzutreiben. Wie bei Schnitzler in der Traumnovelle die Ehekrise, so dient hier die individuelle psychische Erkrankung der Protagonistin als Motor, das Verhältnis von faktischer und psychischer Wirklichkeit zu exemplifizieren. Und dies ist auf geradezu irritierende Weise gelungen. -Kristina Nenninger
Buch:
Schweine und Elefanten
Autor:
Helmut Krausser, Ausgabe vom 1. Dez. 2000, Taschenbuch, Verkaufsrang 161216
Helmut Krausser, Hans Chr. Andersen, Ausgabe vom 2003, Gebunden, Verkaufsrang 58486
Aus der Amazon.de-Redaktion Helmut Kraussers Romane strotzen nur so vor Fantasie. Das war bei Fette Welt so und zuletzt bei der Schmerznovelle, um nur die beiden besten herauszugreifen. Und bei UC ist das nicht anders. Das heißt: Diesmal hat sich Krausser, was die Fantastik anbelangt, wirklich selbst übertroffen. Vielleicht hat er es sogar ein klein wenig übertrieben. Doch der Reihe nach. Worum geht es? Ganz vordergründig um einen Mord. Zwei Dekaden sind seit dem Abitur vergangen, da wird zum Klassentreffen gebeten, und alle kommen hin. Nur eine der ehemaligen Mitschülerinnen kann nicht an der Feier teilnehmen. Sie wurde damals in der Nacht nach einer Klassenfeier ermordet. Und zwar, wie sich nun nach mehr als 20 Jahren plötzlich heraus zu kristallisieren scheint, vom Icherzähler, einem mittlerweile äußerst erfolgreichen und reich verheirateten Dirigenten. Der allerdings kann sich nicht im Geringsten an diesen Mord erinnern, dessen auf der bloßen Möglichkeit beruhende Notwendigkeit ihm erst ein Schriftsteller vor Augen führen muss, in dessen neuem Buch (dem Buch nämlich, von dem hier die Rede ist!) er eine der Hauptrollen spielen soll. Ein Kriminalstück also ist UC nur sehr an der Oberfläche. Eigentlich nämlich geht es um allerlei, sagen wir Esoterisches: UC, das steht für Ultrachronos, für eine Wahrnehmungsdimension, in die manche Sterbende vorstoßen und in der ihnen in Sekundenbruchteilen noch einmal ihr gesamtes Leben wie in einem Film vorgeführt wird. Arndt, so der Name des Icherzählers, erlebt den Ultrachronos aber nicht erst im Moment des Sterbens. Er verfügt über ihn vielmehr gleichsam wie eine Gabe und er kann, wie sich herausstellt, zwischen den parallelen Universen des Möglichen und des Wirklichen herüber- und hinübergleiten, ohne dass man immer so genau wüsste, in welchem der beiden man sich gerade befindet. Helmut Krausser ist einmal mehr eine intelligent verschachtelte Geschichte gelungen. Vielleicht nicht jedermanns Sache: Ein wenig arg konstruiert wirkt das Ganze hier und da schon. Aber das ist alles eine Frage des Geschmacks. Ebenso wie die mal mehr (eine schöne Idee etwa ist der Wake-up-Service des Club Desirée in Paris) mal weniger erquicklichen erotischen Passagen. Wir jedenfalls hatten unseren Spaß. -Hasso Greb 1
Buch:
Melodien: oder Nachträge zum quecksilbernen Zeitalter
Autor:
Helmut Krausser, Ausgabe vom 1. Nov. 2002, Taschenbuch, Verkaufsrang 122106
Die wilden Hunde von Pompeii Eine Geschichte Pompeii ist eine wahre Müll- und Hundekrippe. "Regelmäßig werden unwillkommene Welpen aus umliegenden Dörfern und Städten über die Zäune in eine ungewisse Zukunft geworfen", heißt es in Helmut Kraussers grandios erzählten Roman: "man muss dankbar dafür sein". Denn früher wären unwillkommene Welpen im rauen Neapel ohne viel Federlesens einfach erschlagen oder im nächsten Teich ersäuft worden. Mit viel Sensibilität und zahlreichen Pfotennoten versehen erzählt Krausser in seiner "Geschichte" Die wilden Hunde von Pompeii die ungewisse Zukunft dieser ungeliebten Tiere nach - allen voran die Geschichte eines Hundes namens Teekanne, der von starker Sympathie zu Calista ergriffen ist, die ihr Bettlerdasein sich selbst und den Touristen mit einer Blume im Maul schmackhaft zu machen sucht. Der grausame Bandenführer Ferox gehört zur Meute der Figuren ebenso dazu wie der ewig hungrige Saxo, Grippi, dem ein Liebesbann anhaftet, und Max, der längst verstorben ist. Verfremdete Fotobilder "echter" Streuner bereichern den Band - ebenso wie das Märchen von Vesuvius und Vesuvia, das ein Gastbeitrag von Walter Moers ist. "Und es gibt, merkt euch das, keinen Schrecken, in dem nicht irgendwo eine Liebesgeschichte wohnt", heißt es in Die wilden Hunde von Pompeii. Und so ist es natürlich auch im Roman, der sprachlich wieder einmal genauso eigenwillig und von der Erzählperspektive ebenso ungewöhnlich wie die anderen Bücher Kraussers ist - allen voran UC, Schmerznovelle oder der musikalische Abgesang an die fantastische Maria Callas, Der große Bagarozy, in der ja schließlich der Teufel selbst in Pudelgestalt auftrat. Die wilden Hunde von Pompeii jedenfalls ist eines der herausragenden und ungewöhnlichsten Bücher dieses Herbstes. Unbedingt lesen! -Stefan Kellerer
Buch:
Thanatos: Roman
Autor:
Helmut Krausser, Ausgabe vom 1. März 1998, Taschenbuch, Verkaufsrang 76397
Product Description Konrad Johanser, Archivar des Instituts für Deutsche Romantik in Berlinund weltabgewandter Einzelgänger, kann das Leben in der Hauptstadt nichtlänger ertragen. Seine Ehe ist zerrüttet, die Geliebte spurlos verschwunden.Das Institut, dem er durch Fälschungen romantischer Texte zu neuem Renommeeverholfen hat, dankt es ihm mit der Kündigung. Johanser zieht sich zu Verwandtenauf die schwäbische Alb zurück, nistet sich bei Onkel, Tante und Cousinein, flieht in ein scheinbares Idyll. Als er erfährt, daß seine Fälschungenentdeckt wurden und man nach ihm fahndet, gerät der Urlaub zum Exil, dasDorf zum Versteck. Johanser findet immer neue Vorwände, den Aufenthaltzu verlängern, was den Widerspruch des sechzehnjährigen Benedikt herausfordert.Zwischen den Cousins kommt es zum verdeckten, später offenen Kampf. Haltsucht Johanser in der Liebe zur Kellnerin Anna, der er sich aber nichtzu offenbaren weiß. Der Alltag wird für ihn zusehends zur Bedrohung, tieferund tiefer verstrickt er sich in Schuld, Lüge und Wahn; die Zeichen fürden Zerfall seiner Persönlichkeit mehren sich. Um sein Idyll aufrechtzuerhalten,greift er zu jedem Mittel - bis hin zum Mord...
Buch:
März - April: Tagebuch des März 2003 - Tagebuch des April 2004
Autor:
Helmut Krausser, Ausgabe vom 1. März 2006, Taschenbuch, Verkaufsrang 619684