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| | Buch: | Ein liebender Mann |
| Autor: | Martin Walser, Ausgabe vom 29. Febr. 2008, Gebunden, Verkaufsrang 25782 |
| Preis: | 19,90 EUR (Versandkostenfrei, Lieferbedingungen s.u.) | |
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Aus der Amazon.de-Redaktion Im dritten Teil seines Romans Ein liebender Mann tut Martin Walser etwas ganz und gar Unerhörtes. Nachdem schon viel von Goethes Werther die Rede war - und der 73-jährige Dichterfürst mit seiner 54 Jahre jüngeren Angebeteten Ulrike von Levetzow beim Maskenball in Marienbad schon in der Verkleidung von Werther und Lotte aufgetreten sind -, versucht sich der Autor selbst in der Form des Briefromans, um die (wahre) Geschichte einer unmöglichen Liebe mit Hilfe von Goethes fiktiven Briefen an Ulrike weiterzuerzählen. Das kann doch nur schief gehen, denkt der Leser. Immerhin ist von Goethe doch nun wirklich alles durchforstet, ausgewertet, editiert. Wie kann man da auf die Idee verfallen, neue Briefe Goethes zu erfinden? Am Schluss dann erfährt der Leser, dass Ulrike am Sterbebett verfügte, die Briefe Goethes zu vernichten, "was auch geschah". Was zunächst als unmöglicher Ritt über den Bodensee erschien, erweist sich vom Ende her gesehen als genialer literarischer Zaubertrick. Erlaubt er es Walser doch, vom Scheitern einer Liebe, die in Marienbad mit unglaublich intelligenten Gesprächen und einem Fast-Verlobungskuss so verheißungsvoll begann (und in den Marienbader Elegien mündete), aus der Warte einer "vorgezogenen Trennung" zu erzählen. Denn die eifersüchtige Schwiegertochter Ottilie lässt den nach Weimar zurückgekehrten Dichter von nun an nicht mehr aus ihren Klauen, und der abgewiesene Heiratsantrag macht das Unglück des zum letzten Mal in seinem Leben liebenden Mannes perfekt? Ohnehin hat es Walser in Ein liebender Mann geschafft, den Ton der Zeit zu treffen, ohne antiquiert zu wirken. Und das ist eine klassische Meisterleistung, die man dem Autor so vielleicht gar nicht mehr zugetraut hätte. - Thomas Köster, Literaturanzeiger.de 1
Leserbewertungen: Durchschnitt: 3.5 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 32 Bewertungen)
Leserkommentare:* Grossartig!!! (5 von 5 Punkten) meint T.C. aus MV Mit diesem Roman ist es Herrn Walser auf eine wunderbare Art gelungen uns Goethes Gefühlsleben nachempfindbar zu machen und es ist auch ein Verdienst des Buches ihn nahbar ,ja greifbar zu machen.
Das Buch ist in einer schönen fliessenden Sprache geschrieben und hebt sich damit deutlich vom Werk vieler anderer so genannter Literaturstars ab.
Vor allem aber ist dieses Buch ein Roman über die Liebe und Walser schafft es das wir ihm glauben, Goethes letzte Liebe wird glaubwürdig dargestellt.
Das schöne ist das Walser hier nicht in Kitschige beschreibungen versinkt und Goethe nicht verurteilt, ist der Altersunterschied zwischen Goethe und Ulrike doch immens.
Ich denke dies Buch wird bleiben und seine Schönheit wird wohl erst in ein paar Jahren wirklich begriffen.
Fazit: Walsers defintiv bestes Buch.Er hätte den Nobelpreis mehr als verdient!
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| | Buch: | Ein fliehendes Pferd: Novelle (suhrkamp taschenbuch) |
| Autor: | Martin Walser, Ausgabe vom 4. Mai 1980, Broschiert, Verkaufsrang 19323 |
| Preis: | 6,00 EUR (Versandkostenfrei, Lieferbedingungen s.u.) | |
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Aus der Amazon.de-Redaktion Helmut Halm, Lehrer an einem renommierten Stuttgarter Gymnasium, und seine Frau Sabine verbringen, wie seit Jahren schon, ihre Ferien am Bodensee. Ein Paar in mittleren Jahren, ein vielleicht wohltuend ereignisloses Leben. Man liest, wandert, schottet sich ab. Diese Ferienidylle wird jäh unterbrochen, als Klaus Buch, ein ehemaliger Mitschüler Halms und dessen junge Frau Helene, Hel genannt, auftauchen. So wenig spektakulär beginnt Martin Walsers wohl immer noch erfolgreichstes Buch Ein fliehendes Pferd. Die Novelle von 1978 wurde von Lesern und Kritikern gleichermaßen begeistert aufgenommen. Walser stellt parabelhaft die Biographien beider Männer gegenüber, hier der etwas behäbige, Kierkegaard lesende Studienrat Halm, dort der freie Journalist und Aussteiger Klaus Buch und seine Vorzeigefrau Hel, bronzefarben, erfrischend junggeblieben. Halm ahnt, diese Quälgeister wird man in diesem Urlaub nicht mehr los. Klaus Buch, außer sich vor Freude über das unverhoffte Wiedersehen mit seinem alten Studienfreund, beginnt, die Urlaubsplanung zu übernehmen. Walsers Auge für allerfeinste Details im Zwischenmenschlichen, seine Fähigkeit, scheinbar Banales in große Zusammenhänge zu bringen, macht diese Novelle zu einem Jahrhundertwerk. Alles bleibt klein und erst dadurch wird es groß. Die Schilderung des wachsenden Konfliktes der einstigen Freunde, die grelle, missionierende Aufdringlichkeit des Klaus Buch, auf die Halm nur mit hilfloser Ironie zu reagieren vermag (schließlich gerät beinahe noch Halms Ehe ins Wanken, da sich Sabine von Buchs zupackender Art angezogen fühlt), all dies bringt uns Walser mit einer Wortgewalt herüber, die in der Literatur ihresgleichen sucht. Lassen wir uns also in einem furiosen Schlusskapitel auf das Segelboot entführen, das auf dem sturmdurchtosten Bodensee treibt. Der ängstliche Halm und der tollkühne Buch, diese im Innern sich doch sehr ähnlichen Männer, treten noch einmal zu einem dramatischen Schlußgefecht an, das in einer völlig unerwarteten Wendung der Ereignisse zu seinem überraschenden Höhepunkt findet. -Ravi Unger
Leserbewertungen: Durchschnitt: 4.0 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 36 Bewertungen)
Leserkommentare:* Vollblutpferde und Ackergaeule ... (5 von 5 Punkten) meint f. aus Tokyo Durch Zufall treffen sich 2 ehemalige Schul- und Studienfreunde im Urlaub. Beide, mittlerweile im Alter zwischen 40-50, haben nach dieser gemeinsam verbrachten Zeit voellig unterschiedliche Lebenswege beschritten. Helmut, der Lehrer, fuehlt sich von den Anforderungen der Leistungsgesellschaft ueberfordert und wirkt introvertiert, kraftlos, scheinbar nicht mehr in der Lage, dem Leben die Stirn zu bieten. Klaus, grosspurig im Auftreten, verkoerpert den Erfolgsmenschen, den typischen Vertreter dieser Leistungsgesellschaft, jemanden, der es scheinbar geschafft hat. Seine fast 20 Jahre juengere Partnerin Helene unterstreicht diesen Eindruck. Typische "Looser and Winner" Konstellation, so der 1. Anschein.
Im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass beide nicht den Anspruechen gerecht werden koennen, nicht den eigenen, nicht denjenigen, die das Leben, die Lebensumstaende, die Gesellschaft an sie stellen. Weder Klaus noch Helmut. Unterschiedlich nur der Weg und die Art der Kaschierung. Klaus lebt hinter einer scheinbar perfekten Fasade, waehrend Helmut in sich gekehrt keinen Hehl daraus zu machen scheint, dass das Leben an ihm scheinbar unbeteiligt vorbeizieht. Bis er sich durch das Auftreten von Klaus bedroht, erkannt fuehlt. Fuer beide Maenner resultiert aus der gegenseitigen Begegnung die Notwendigkeit, sich mit ihren gegenwaertigen Lebensplaenen auseinanderzusetzen und entgegenzusteuern. "Looser" Helmut scheint diese Chance zu nutzen, waehrend Klaus anscheinend nicht die Kraft aufbringt, aus seinem bisherigen Lebensmuster auszubrechen.
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| | Buch: | Angstblüte |
| Autor: | Martin Walser, Ausgabe vom 1. Febr. 2008, Taschenbuch, Verkaufsrang 34043 |
| Preis: | 9,95 EUR (Versandkostenfrei, Lieferbedingungen s.u.) | |
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Angstblüte nennt sich, was die Natur bedrohten Gewächsen mitgegeben hat. Naht der Tod, steigen noch einmal die Lebenssäfte, der schönste Schein wird produziert. Metaphorisch durchaus auch auf das Personal in Walsers jüngstem Werk anwendbar. Angst vor Vergänglichkeit, Bedeutungslosigkeit, Alter und Untergang beflügelt Machtmenschen wie den Kunsthändler Diego Trautmann, der in seinem "Bonsai-Neuschwanstein" an der Seite der ätherisch schönen Talkshow-Gastgeberin Gundi seine berühmten Empfänge zelebriert. Tiefsitzende Angst beherrscht auch den erfolgreichen Anlageberater Karl von Kahn, "siebzig-plus" und Walsers Hauptakteur. Verbrauch ist trivial, Geldvermehrung hingegen bedeutet Vergeistigung. Zahlenwerk als höchste Kunstform. Karls Credo und Religion. Weg vom Bodensee, mitten im prallsten Münchner Großbürgertum entfaltet Martin Walser sein Mysterienspiel vom Evangelium des Geldes. Walser-Leser kennen das Faible des Autors fürs Pekuniäre; es geht also hinauf in die dünne Luft des Aktienhandels, der Portfolios und virtuellen Geldströme. Exkurse, die - wortbrilliant zwar - allzu quälend ausufernd geraten. Atemberaubend dagegen, der tosende Lebensstrudel, der Karl von Kahn erfasst. Sein Weltbild gerät ins Wanken, als Diego, der Freund, mit einem raffinierten Finanzdeal Karl böse übervorteilt. Dann setzt Karls erfolgloser Künstlerbruder Erewein, der mit "Frau Lotte" resigniert in einer Wohnhöhle verharrt, seinem Leben ein Ende. Was bleibt, ist ein geradezu lebensspendender Abschiedsbrief. Schließlich tritt Joni Jetter auf den Plan. Die Angstblüte setzt ein! Mit Joni, Darstellerin in einem Film, der durch eine Finanzspritze Karls zustande kommt, findet Walser zur Hauptsache. Das hoffnungslos verliebte Finanzgenie sieht sich mit Alter, Sexualität, Liebe, Betrug und all den Lügen und Verdrängungen, die damit einhergehen, konfrontiert. Bereits in Der Augenblick der Liebe hat Walser die "Sexualität-im-Alter-Thematik" als persönliches Reizthema aufgegriffen. Erneut staunt man: Der früher in sexuellen Dingen eher zurückhaltend bis prüde Walser wird in seinem Spätwerk sprachlich drastisch deutlich. Pure Walser-Ironie, alle klugen Theorien von Karls Ehefrau Helen, einer hingebungsvollen Paartherapeutin, werden vom tobenden Leben selbst zunichte gemacht. Am Ende hält Karl von Kahn eine immense Verlustrechnung in Händen. Sein Erkenntnisgewinn: Sehnsucht darf bleiben. Aufhörenkönnen muss gelernt werden. Apropos Aufhörenkönnen. Vermittels einer eingeschobenen Episode über Jonis Vater, einen Ex-Polizeireporter, der aufgrund mangelnder politischer Opportunität von seinem Alt 68er-Chef förmlich in den Untergang getrieben wird, leckt Walser offenbar noch immer die Wunden der letzten Jahre. -Ravi Unger "Ich habe immer das Gefühl, wenn ich schreibe, höre ich die Sätze. Ich kann sagen, ich erlöse die Sätze aus ihrer Hingeschriebenheit, wenn ich sie vorlese." Da kann man Martin Walser nur beipflichten, das Hörbuch zu Angstblüte macht diese Erlösung aus der Hingeschriebenheit in jeder Minute hörbar. Walsers Stil, in dem man sich schon mit dem ersten Satz heimisch fühlt, weil er einem seit der Schullektüre von Ein fliehendes Pferd so vertraut scheint, ist tatsächlich ein Stil, der sich ausgezeichnet zum Vorlesen eignet. Das ist einfach grandios, wie dieser Mann schreibt! Die eigentliche Sensation des Hörbuchs ist aber freilich diese Walserstimme, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt, auch wenn man Texte dieses Autors stumm für sich liest. Diese Kraft, dieses mächtig rollende Bodensee-R, diese Einfühlung in seinen Helden, den wir sofort als typischen Walser-Helden akzeptieren. Am Ende angelangt, möchte man am liebsten sofort wieder bei der ersten CD beginnen. Man kann nur hoffen, dass irgendein Hörbuchverlag bald auf die Idee kommt, Martin Walser auch einige seiner früheren Meisterwerke lesen zu lassen und auf CD zu verewigen.-Christian Stahl Spieldauer: ca. 468 Minuten, 6 CDs, ungekürzte Autorenlesung
Leserbewertungen: Durchschnitt: 3.0 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 27 Bewertungen)
Leserkommentare:* Angstblüte (3 von 5 Punkten) meint W.S. Mit dem Buch habe ich gerade angefangen,es ist interesant sich darein zulesen.Ich hoffe daß das Buch noch mehr Spass mir bereiten wird.
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| | Hörbuch: | Ein liebender Mann |
| Autor: | Martin Walser, Ausgabe vom März 2008, Audio CD, Verkaufsrang 286631 |
| Preis: | 28,95 EUR (Versandkostenfrei, Lieferbedingungen s.u.) | |
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Fünfundfünfzig Jahre Altersunterschied liegen zwischen Goethe und seiner letzten großen Liebe Ulrike von Levetzow, als sie sich 1821 in Marienbad kennenlernen. War diese Ulrike wirklich so ein "flatterhaftes Persönchen", wie sie von der Literaturwissenschaft dargestellt wird? Martin Walser glaubt nicht daran: "Goethe wäre ein Idiot gewesen, wenn er sich in sie, wie sie verzeichnet wurde, verliebt hätte." Mit diesem Buch hat Walser eine Ulrike geschaffen, "die der Liebe Goethes würdig" ist. Martin Walser liest selbst.
Leserbewertungen: Durchschnitt: 4.5 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 10 Bewertungen)
Leserkommentare:* Martin Walser oder Goethe? (5 von 5 Punkten) meint G.S. Man weiss nie genau, wer da gerade auf der Bühne des Geschehens steht: ist es Johann Wolfgang von Goethe oder ist es Martin Walser, der seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse auf den Hr. Geheimrat überträgt. Gleich gültig, ein einzigartiges Werk.
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| | Buch: | Der Augenblick der Liebe |
| Autor: | Martin Walser, Ausgabe vom 2. Januar 2006, Taschenbuch, Verkaufsrang 128220 |
| Preis: | 8,95 EUR (Versandkostenfrei, Lieferbedingungen s.u.) | |
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Aus der Amazon.de-Redaktion Die Klassiker kommen in die Jahre, ihre Figuren auch. Gottlieb Zürn, in Das Schwanenhaus noch umtriebiger Immobilienmakler, ist nicht mehr im Geschäft, macht seiner Frau Anna die Buchführung und sich selbst Gedanken über das Leben und das Alter(n). Als er Beate kennen lernt, geht er noch einmal auf Die Jagd. Zunächst heißt es allerdings warten, denn nach einem nur zweistündigen Augenblick der Liebe kehrt Beate zurück in die USA zu ihrer Doktorarbeit. Zürn kämpft mit seinen Gefühlen, mit den Konventionen, die ihm "Altersgeilheit" unterstellen, und dem "Käfig, der Biographie heißt". Kann er der heillos harmonischen Ehe-Routine, dieser "wunderbaren Wüste gemeinsam erworbenen Schweigens", ein letztes Mal entfliehen? Dominiert wird die erste Hälfte des Romans aber von Beates Ringen um akademische Anerkennung: "Dieses Murksen und Placken in der ersehnten sommerlichen Einsamkeit", Lesen, Lehren, Lieben - "Springreiterei forever". Eine Tagung über den Aufklärer La Mettrie - gemeinsames Forschungsthema von Zürn und Beate - bietet Gelegenheit, die Liebesfantasien auf ihre Realitätstauglichkeit hin zu überprüfen. Walser wiederum kann hier politische und amouröse Motive überblenden: Wenn Zürn über "nichtsnutzige Schuldgefühle" referiert oder erkennt, dass "das kostbare Kindheitsgut Gewissen zur Rezeptur verkommen" ist, befinden wir uns mitten in den Vergangenheitsdebatten der jüngeren Zeit. "Inzwischen wacht das Gedächtnis über das Gewissen. Ob das lebensfeindlich ist, ist dem Gedächtnis egal." La Mettrie wird - auch wenn Walser das vorsorglich bestreitet - zum Gewährsmann für einen vermeintlich unverkrampften Umgang mit der deutschen Geschichte. Zürn erscheint abwechselnd alterswild ("Schluss mit dem Gelobtwerdenwollen") und resignierend ("Menschenpfusch", "nicht gut aussehend, nicht reich, nicht einmal geistreich"). Was man dem Provokateur krumm nimmt, verzeiht man dem "Lebensidiot schlechthin", ohne ihn und sein Treiben immer zu verstehen. Ein Buch mit zwei starken Hauptfiguren, die die Neigung zum Sentenzenhaften mehr als wett machen. Ein Roman über den (männlichen) Methusalem-Komplex im besonderen und über Männer und Frauen im allgemeinen: "Allein jeder, aber zusammen für immer." -Patrick Fischer
Leserbewertungen: Durchschnitt: 3.5 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 15 Bewertungen)
Leserkommentare:* La Mettries Geiseln (5 von 5 Punkten) meint . Gottlieb Zürn oder Wilhelm Krall, eine bereits vertraute Romanfigur aus Walsers früheren Romanen "Das Schwanenhaus" und "Die Jagd", ist Exmakler und Hobbyphilosoph, lebt zurückgezogen mit seiner Frau Anna am Bodensee. Doch das schier ruhige, erholsame Leben gerät durch den Besuch einer jungen Studentin aus Kalifornien namens Beate Gutbrod aus den Fugen und nimmt sowohl philosophische, als auch höchst erotische Gestalt an: Beate verbindet ihren Aufenthalt bei ihrer Großtante am Bodensee geschickt mit einem Besuch bei dem Privatgelehrten Gottlieb Zürn alias Wilhelm Krall. Im Mittelpunkt des Treffens steht eine mitgebrachte Sonnenblume. Anfangs sollte sie nur ein Geschenk an das Hause Zürn oder Krall - das kann sich der Leser aussuchen - sein, doch schon bald dient die Blume als Brücke, besser gesagt, als Nährboden einer beginnenden, zwischenmenschlichen Beziehung. Denn als Gottlieb die 25jährige das erste Mal erblickt, ist er hingerissen von ihrer Person und kann sie nicht mehr aus seinen Gedanken verdrängen. Sein ungeheuerliches Verlangen nach ihr lässt ihn sogar den Altersunterschied und völlig vergessen. Denn Gottlieb und Beate kommunizieren über einer weitaus höhere Ebene: die der Philosophie. Doch damit nicht genug. Seine Phantasien treiben ihn sogar zur Selbstbefriedigung und zum versuchten Mord an Anna. Geplagt von der räumlichen Trennung zu ihrem Wilhelm G. (so nennt Beate Gottlieb neuerdings), fädelt sie eine Reise zu einem wissenschaftlichen Kongress über den Philosophen La Mettrie (1709-1751) ein. Als Dienstreise und als deutscher La Mettrie Experte getarnt, folgt der Hobbyphilosoph der Einladung seiner Angebeteten und tritt die Reise in die Staaten an. Was kommt, wird vom Leser bereits erwartet: Eine Lovestory à la Hollywood. Viel Gefühl der beiden Protagonisten, verbunden mit körperlichen, sinnlichen und intellektuellen Zügen, die sich nicht immer in Einklang bringen lassen und den Leser emotional so richtig durchschütteln. Manchmal schwer zu erkennen, weist doch das ganze Buch kein einziges Satzzeichen auf, das eine direkte Rede einleitet. Zur Spitze treibt (schreibt) der 1927 in Wasserburg am Bodensee geborene Autor Martin Walser das ganze Spektakel erst durch das plötzliche Ausbleiben der sexuellen Kraft Gottliebs und der steigenden Angst, den Vortrag vor den Angehörigen der Universität von San Francisco zu vermasseln. Vielleicht sind es autobiographische Züge, die Walser dazu bewegen, seine Romanfigur in ein derartig tiefes Loch fallen zu lassen? Spätestens als Gottlieb seine Stimme verliert und der Vortrag von seiner geliebten Beate gehalten werden muss, erlebt die Handlung ihre schon lang ersehnte Wendung: Zürn fühlt sich mit seinem Vortrag nicht richtig verstanden (der Walser-Kenner denkt hier an die Friedenspreisrede von 1998) und beschließt, die Rückreise nach Deutschland schon etwas früher anzutreten. Enttäuscht von Beate, lässt er sie fallen. Er erkennt, was er an seiner Frau Anna hat und freut sich umso mehr auf sie. Der Autor teilt die Geschichte in vier Abschnitte, die der Leser sonst nur in klassischen Liebesdramen vorfindet: Kommen aber gehen (Erstes Date), Zusammenfinden (Kennen lernen und lieben lernen), Auseinanderkommen (Auseinanderleben), Kehre (Er- und Bekennen der Liebe). Für den einfachen Rezipienten eigentlich klar strukturiert, wären da nicht stellenweise Walsers Exkurse in die abstrakte Welt der Philosophie, die selbst einen Literaturkenner aussteigen lassen. In "Der Augenblick der Liebe" wird, neben philosophischen und sexuellen Problemen, vor allem die Flucht aus dem Alltag hervorragend - wenn nicht immer gleich verständlich - geschildert. Droht das bürgerliche (Ehe)Leben monoton und langweilig zu werden, flüchtet mindestens ein Partner und versucht, sich meist mit erotischen Abenteuern, Abwechslung und Selbstbestätigung zu holen. Zumindest bleibt die geistige, zwischenmenschliche Beziehung aufrecht. So ganz nach der Philosophie La Mettries...
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| | Buch: | Tod eines Kritikers |
| Autor: | Martin Walser, Ausgabe vom Juli 2002, Gebunden, Verkaufsrang 152292 |
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Aus der Amazon.de-Redaktion 1993 erschien unter Literaturchef Frank Schirrmacher als Vorabdruck in der FAZ ein Roman, der im Münchner Literaturmilieu angesiedelt war. Dort trat ein unerbitterlicher Rezensent in Erscheinung, der den klingenden Namen Willi André König alias "Erlkönig" trug: denn die bloße Angst vor seinem Urteil reichte, um Bücher noch in den Armen ihrer Verfasser verdorren zu lassen. Ohne einander hieß der Roman, sein Autor Martin Walser. Reich-Ranicki, der schon manch hoffnungsfrohem Dichter durch vernichtende Urteile den feuilletonistischen Todesstoß versetzte, verriss das Buch: er hatte sich im Erlkönig wohl ein wenig wiedererkannt. Jetzt hat Walser einen Roman geschrieben, der eine Variante seiner Königsfigur ins Zentrum der (man muss es immer wieder sagen: fiktiven) Handlung stellt. Und diesmal lehnte Schirrmacher den Vorabdruck unter dem Vorwurf "antisemitischer Klischees" kategorisch ab. Dünnhäutig sprach Reich-Ranicki gar von realen Mordfantasien Walsers gegen seine Person. In einer beispiellosen Literaturbeilagen-Kampagne schlug der (unterstellte) Rufmord an einem konkreten Kritiker in tatsächlichen Rufmord an Martin Walser um. Lesen Sie hierzu unseren Artikel zur "Walser-Debatte". Dabei wird in Tod eines Kritikers niemand ermordet, auch Literaturpapst André Ehrl-König nicht. Der Fernsehstar der Bücher-Talkshow "Sprechstunde" hatte es gewagt, ein Buch des Schriftstellers Hans Lach publikumswirksam zu verreißen. Bei einer Party im Hause von Lachs Verleger treffen beide handgreiflich aufeinander. Als am nächsten Morgen Ehrl-Königs gelber Kaschmirpullover blutüberströmt, aber ohne menschlichen Inhalt, im Neuschnee liegt, gerät Lach unter Mordverdacht. Vorverurteilungen, auch seitens der Kriminalpolizei, sind die Folge. Nur der Münchner Historiker Michael Landolf will Lachs Unschuld beweisen. Bis plötzlich Ehrl-König unversehrt wieder auftaucht und sich alles entpuppt als groteske Liebesfarce - und der vermeintliche Krimi als Possenspiel über die komischen Mechanismen öffentlicher Meinungsbildung. Seit über 25 Jahren findet sich in Walsers Notizbüchern das Kürzel "T. e. Kr.", "Tod eines Kritikers", wieder. Beleg dafür, dass das eng mit seiner Beziehung zu Reich-Ranicki verknüpfte Thema den Autor schon seit langem quälte. Mit diesem Roman ("Für die, die meine Kollegen sind") hat er sich seine Wut über den absurden Literaturbetrieb von der Seele geschrieben, um selbst Opfer einer publizistischen Farce zu werden. Vielleicht hat sich Walser nur mit verbalen Mitteln gegen verbale Attacken zur Wehr gesetzt. Ob das letztlich ausreicht für ein gutes Buch, muss jeder für sich selbst entscheiden. -Thomas Köster 1
Leserbewertungen: Durchschnitt: 2.5 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 73 Bewertungen)
Leserkommentare:* Landolflachwalser gegen den Gerößtenscherecklichenunsterblichen (3 von 5 Punkten) meint H.H. Dieses Buch ist ein verkappter Krimi geprägt von persönlicher Abrechnung, überspitzten Karikaturen realer Personen, Fundamentalkritik an der Literaturszene und der Unterhaltungsgesellschaft sowie mystisch-esoterischen Tendenzen.
Die Geschichte wird von Michael Landolf erzählt, der, wie es am Ende des Buches herauskommt, der Autor des Buches, Martin Walser, ist, der sich innerhalb des Romans den Namen Hans Lach gegeben hat.
Michael Landolf hat eine Mission: Er ist davon überzeugt, dass Hans Lach den berühmten Fernsehkritiker André Ehrl-König (Marcel Reich-Ranicki) nicht entführt und ermordet hat. Um das zu beweisen, glaubt er, reiche es aus, sich von allen möglichen Personen, die sich auskennen, etwas erzählen zu lassen, die Unschuld Hans Lachs würde sich dann schon von selbst aus dem Geschwafel schälen.
Wenn man gut aufgepasst hat, dann entdeckt man hier schon die erste grobe Ungereimtheit: Da Hans Lach sich selber den Namen Michael Landolf gab, um einen Ich-Erzähler für die Geschichte zu haben und sich vorerst zu tarnen, ist er folglich im Roman dabei, außerhalb des Gefängnisses seine eigene Unschuld zu beweisen, während er im Gefängnis sitzt, seine Geständnisse widerruft, den Kriminalhauptkomissar dazu bringt, seine Bücher zu lesen und eigene Reden aufnimmt und sie Michael Landolf, also sich selbst, gibt um die Tonbandaufnahmen abtippen zu lassen.
Käme dieser verwirrende Perspektivwechsel, die Aufgabe seiner menschlichen Tarnung Michael Landolf, die Vermischung einer fiktiven Geschichte mit semi-realen, angestückelten Elementen, das Verschmelzen zweier Personen zu einer einzelnen, die eigentlich noch nie zwei waren, jedoch im Roman unabhängig voneinander agieren am Ende nicht, wäre das Grundgerüst des Romas logisch völlig nachvollziehbar.
Martin Walser lässt also Hans Lach als Michael Landolf losziehen und versucht, irgendwie seine Unschuld zu beweisen. Dafür redet Landolf mit Personen, die auf der Party waren auf der Ehrl-König zuletzt gesehen wurde und mit Literaturszene-Insidern, um ein besseres Bild der dortigen Machenschaften und der Rolle Hans Lachs zu bekommen.
Martin Walser greift sich hier reale Personen, gibt ihnen andere Namen und karikiert sie hauptsächlich durch Vereinseitigung. Er geht dabei sehr geschickt vor, verteilt durch die Personen oberflächliches Lob und verwendet kaum Brachialvokabular, es sei denn bei direkter Rede. Durch und durch positive, idealistische Charaktere werden jedoch nicht kreiert. Beispiele dafür sind die Verleger-Gattin Julia Pelz, die auf Mystik, Kabala, Alchemie und Rosenkreuzertum abfährt und durch den Tod Ehrl-Königs auf den Beginn des saturnischen Regiments hofft oder der zwar intelligente und gebildete Professor Silberfuchs, der jedoch hoffnungslos tratschsüchtig ist und seine Zeit mit dem Austausch und Weitergabe neuester Gerüchte verbringt.
Durch die Unterhaltungen mit den Personen wird hauptsächlich der Charakter Ehrl-Königs deutlich, Spekulationen bezüglich der Tat sind dagegen eher selten.
Ehrl-König wird als herrschsüchtiger Egomane dargestellt, der andere erniedrigt, um sich zu erhöhen, der die Dummheit der Gesellschaft ausnutzt, zu keinen Freundschaften fähig ist und jede Gelegenheit nutzt, um Lob zu erheischen. Da all diese Folgerungen persönlichen Meinungen zugrunde liegen, wirkt das gezeichnete Bild glaubwürdig. Es war ein geschickter Schachzug von Walser seine persönlichen Abneigungen von anderen, sehr verschiedenen Charakteren darbieten zu lassen, sodass er teilweise auch hinterhältig werden kann, ohne an Authentizität einzubüßen.
Trotzdem bleibt der Roman grenzwertig. Hauptsächlich André Ehrl-König ist seinem realen Vorbild so exakt nachempfunden, dass man von einem Sternchen und der Bemerkung Name von der Redaktion geändert nicht verwundert wäre. Und obwohl die Darstellung Reich-Ranickis nicht allumfassend und objektiv ist, bietet der Roman einiges an Polarisierungspotential.
Ist Walser zu weit gegangen und diffamiert, beleidigt und blamiert Reich-Ranicki, so wie der es mit Walser getan hat? Dann wäre Walser kein Stück besser Um seine Beweggründe besser verstehen zu können, lässt Walser Michael Landolf über die Gefühle von Hans Lach sinnieren. So wird deutlich, dass Landolflachwalser sich wegen der Verrisse seiner Bücher und der persönlichen Attacken gedemütigt, hilflos, verraten und ausgeschlossen fühlte, er schämte sich für sich selber. Daher stehe ich dem ganzen eher neutral gegenüber, erfreue mich an der teilweise komischen Darstellung Reich-Ranickis, schmunzele über die Verscheriftlichung seines Sperachfehlers und beobachte, wie Walser es mal subtil mal brachial schafft, den Charakter MRRs als der Gerößtestärkstescherecklicheunsterbliche immer wieder mit neuen Facetten zu versehen.
Ich sehe es als gute Unterhaltung an, nicht als böswillig gemeint. Auch angeblich vorhandenen Antisemitismus kann ich nicht im Geringsten feststellen. Es wäre vermessen und unangebracht, von Antisemitismus zu sprechen, denn nur die Tatsache, ein Jude zu sein, gewährt keine Immunität gegenüber Urteilen, die ausschließlich den Charakter einer Person betreffen.
Das Buch hat, auch wegen des geringen Umfangs, keine Längen, ist vielseitig, gut erzählt, hat eine ansprechende, wenn auch zu hypotaktische Sprache und regt stellenweise zum Denken an, wenn aus einem Buch von Lach zitiert wird oder ein Mithäftling seine konfusen Ansichten und Pläne vorträgt. Letztendlich ist es kein richtig gutes Buch, aber durchaus lesenswert, vor allem, wenn man sich für den Kleinkrieg der Literaturszene und speziell dem zwischen Walser und Reich-Ranicki interessiert.
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| | Buch: | Ein fliehendes Pferd - SPIEGEL-Edition Band 22 |
| Autor: | Martin Walser, Ausgabe vom 30. Dez. 2006, Gebunden, Verkaufsrang 283900 |
| Preis: | 9,90 EUR (Versandkostenfrei, Lieferbedingungen s.u.) | |
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äMein Deutschtum wird mir niemand nehmen." Die Nacht, in der Zehntausende sterben mussten, rettete Victor Klemperer das Leben. Britische Bomber hatten am späten 13. und frühen 14. Februar 1945 das historische Zentrum Dresdens nahezu vollständig zerstört und damit auch die lokalen NS-Behörden ins Chaos gestürzt. Im Morgengrauen, inmitten der rauchenden Trümmer, äriss" Klemperers Ehefrau Eva ämit einem Taschenmesserchen die Stella von meinem Mantel", wie der Gelehrte in seinem Tagebuch notierte. Mehr als drei Jahre lang hatte der gelbe Judenstern seinen Träger als minderwertigen, ja schädlichen Zeitgenossen gekennzeichnet - nun wagte sich der einst so angesehene Professor für Romanistik an der Technischen Hochschule Dresden wieder ohne den Stern auf die Straße. Während er am Vortag noch von der Deportation in ein Konzentrationslager bedroht war, hatten die städtischen Amtsträger des Regimes jetzt dringendere Aufgaben: Dresden lag in Schutt und Asche, Verschüttete sollten gerettet, Leichen mussten geborgen und verbrannt werden. Dass er das äDritte Reich" überleben würde, daran hatte Klemperer in den Jahren zuvor kaum noch geglaubt. Zu erfolgreich schien zunächst Hitlers Kriegsmaschine, zu barbarisch gingen SS und Gestapo gegen die letzten noch im Reich lebenden Juden vor. Nur seine Ehe mit einer Nichtjüdin schützte ihn, mit Eva, die trotz aller Pressionen zu ihm hielt. Victor Klemperer hat Jahrzehnte lang Tagebuch geführt, auch und gerade in der dramatischen Zeit zwischen 1933 und 1945. Als der Berliner Aufbau-Verlag ein halbes Jahrhundert später unter dem Titel äIch will Zeugnis ablegen bis zum letzten", einem Klemperer-Zitat, eine erste Edition dieser Aufzeichnungen veröffentlichte, erlebte der deutsche Buchmarkt eine Sensation: Obschon fast 1700 Seiten stark und nur in zwei schweren Bänden erhältlich, wurde aus den Tagebüchern des damals völlig vergessenen Wissenschaftlers ein Bestseller. Der Erfolg ist nicht nur den durchweg begeisterten Rezensenten zu verdanken - ädas Ereignis in diesem Bücherherbst" (äSüddeutsche Zeitung"), äeine Quelle von einzigartigem Rang" (äDie Zeit"), äeinmalig und unschätzbar für die Kenntnis dieser zwölf Jahre" (äDie Welt") -, sondern auch und vor allem den Tagebüchern selbst, ihrer Beobachtungsschärfe, ihrer sprachlichen Präzision: Qualitäten, die das literarische Publikum sofort überzeugten. Klemperer schickt seine Leser auf eine ganz private und doch höchst politische Zeitreise durch die NS-Diktatur. Anders als der Autor kennen sie allerdings das bittere Ende. Während Victor Klemperer etwa in den Anfangsjahren nur spekulieren kann, dass Adolf Hitlers Antisemitismus in einem Desaster für alle Deutschen enden werde, wissen die Nachgeborenen heute, wie hellsichtig diese Prognose war. Dieser Wissensvorsprung ist der Spannung keineswegs abträglich, im Gegenteil: Jedes Fünkchen Hoffnung löst auch beim Leser noch fünfzig oder sechzig Jahre später die irrationale Hoffnung aus, dass es doch noch anders kommen möge, dass die Folge von Erniedrigungen und Misshandlungen, die der jüdische Gelehrte erdulden musste, überraschend enden möge. Und natürlich endet sie nicht. Bis zuletzt, bis zum Zusammenbruch des Regimes, bleibt Victor Klemperer ein hilfloses Opfer des antisemitischen Wahns. Die Genauigkeit, mit der er die ihm widerfahrenen Demütigungen protokolliert, erklärt sich nicht zuletzt mit seiner Biografie. 1881 als Sohn eines Rabbiners in Landsberg an der Warthe geboren und in Berlin aufgewachsen, hatte sich Klemperer stets um Aufnahme in die nichtjüdische Welt des wilhelminischen Kaiserreichs bemüht: Er ließ sich protestantisch taufen, er meldete sich im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger an die Front und wurde mit einem Orden ausgezeichnet, er studierte und wurde zum Professor berufen, er bekannte sich offen zum übersteigerten Patriotismus seiner Zeit und verurteilte den Zionismus. Kurzum, Klemperer wollte stets als Deutscher unter Deutschen leben. Dass sie ihm dieses Recht nun plötzlich entzogen, verwundete ihn zutiefst. Systematisch registrierte er die alltäglichen Indizien der Ausgrenzung. Klemperer verlor seine Professur, er durfte nicht mehr publizieren, man verbot ihm das Autofahren und vertrieb ihn aus seinem Haus, er durfte nicht mehr ins Kino oder ins Theater, schließlich war ihm auch der Besuch von Bibliotheken nicht mehr erlaubt. Als Wissenschaftler war er damit entwurzelt - schreiben konnte er jetzt nur noch über sich selbst und seine persönliche Sicht der Nazi-Herrschaft. So entstanden in den Kriegsjahren nicht nur Tagebücher, sondern auch eine Autobiografie (äCurriculum Vitae") sowie Skizzen für die bis heute bemerkenswerte Studie äLTI" über die Sprache des äDritten Reiches" (äLingua Tertii Imperii"). Am Ende war das Schreiben sein einziger Trost, sein letztes Reservat in einer Welt des Terrors. Victor Klemperer wurde auf offener Straße angepöbelt und angespuckt, er musste mit seiner Frau in sogenannten Judenhäusern unter äußerst beengten Verhältnissen leben und dort mehrmals völlig willkürliche Hausdurchsuchungen der Gestapo über sich ergehen lassen, bei denen die beiden geschlagen und getreten wurden, und das letzte ihnen noch verbliebene Inventar aus den Schränken gerissen wurde - eine äviehische Verwüstung durch grausame und besoffene Affen", wie er am 23. Mai 1942 wütend notierte. Die Klemperers hungerten, weil er als Jude kaum noch Lebensmittel kaufen konnte, sie froren, weil ihnen kein Brennmaterial mehr zugeteilt wurde. Immer neue Schikanen ließen sie verzweifeln. äTausend Mückenstiche sind schlimmer als ein Schlag auf den Kopf", schrieb er am 8. April 1944. Natürlich hatte Klemperer Angst vor dem gewaltsamen Tod, zumal ihm äreligiöse und philosophische Tröstungen vollkommen versagt" seien, wie er am 31. Dezember 1944 bekannte. äEs handelt sich nur darum, Haltung bis zuletzt zu bewahren." Zu diesem Zeitpunkt wusste der Gelehrte bereits das, was viele Deutsche noch Jahre nach dem Krieg nicht wahrhaben wollten, nämlich dass äsechs bis sieben Millionen Juden geschlachtet (genauer: erschossen und vergast) worden sind" - eine Notiz aus dem Oktober 1944. äKatastrophale Nachrichten" über die äJudenverschickungen nach Polen und Russland", hatte er bereits im November 1941 notiert. Und am 1. März des folgenden Jahres: äEs liegt jetzt so, dass KZ offenbar identisch mit Todesurteil ist. Der Tod der Überführten wird nach wenigen Tagen gemeldet." Zwei Wochen später heißt es: äAls furchtbarstes KZ hörte ich in diesen Tagen Auschwitz (oder so ähnlich) bei Königshütte in Oberschlesien nennen", dagegen seien die Zustände in Buchenwald änicht unbedingt und sofort tödlich, aber schlimmer als Zuchthaus". Und am 19. April 1942 notierte er: äGrauenhafte Massenmorde an Juden in Kiew. Kleine Kinder mit dem Kopf an die Wand gehauen, Männer, Frauen, Halbwüchsige zu Tausenden auf einem Haufen zusammengeschossen." Klemperer hatte all das und noch viel mehr erfahren - er, der er kein Radio mehr besitzen durfte und deswegen mehr als alle anderen Deutschen von jeder Information aus dem Ausland abgeschnitten war. Nach der Lektüre seiner Tagebücher bleibt von der Legende, dass die Deutschen vom Holocaust nichts gewusst hätten, wenig übrig. Wer wissen wollte, konnte eine Menge über den Genozid in Erfahrung bringen, nur wem das Schicksal der Juden absolut gleichgültig war, dem blieb der Schrecken in der Regel verborgen. Je länger NS-Diktatur und Krieg dauerten, desto mehr wurden die Deutschen dem überzeugten Patrioten Klemperer zum Rätsel. Zwar verhielten sich nicht alle ihm gegenüber feindselig. Zuweilen wurde er sogar auf offener Straße von fremden Menschen gegrüßt, gerade weil er den gelben Stern trug. Doch das waren Ausnahmen, kleine, stille Akte des Widerstandes, die ihn nur für einen Moment ermutigen konnten. Schon 1933, nach den ersten antisemitischen Übergriffen, hatte er sich ämaßlos" darüber geärgert, ädass Deutschland derart alles Recht und alle Kultur schändet". Dieses Deutschland, das Klemperer geradezu heilig gewesen war, offenbarte plötzlich eine dramatische Schattenseite: äMeine Prinzipien über das Deutschtum und die verschiedenen Nationalitäten", so heißt es im selben Jahr, äsind ins Wackeln geraten wie die Zähne eines alten Mannes." Aber das war ja nur der Anfang: Judenboykott, Berufsverbote, Nürnberger Gesetze - Schikanen ohne Ende. äEs ist im deutschen Volk soviel Lethargie und soviel Unsittlichkeit und vor allem soviel Dummheit", schrieb er 1937. Was also war Klemperers Konsequenz? äMein Deutschtum wird mir niemand nehmen," so notierte er am 9.Oktober 1938, vier Wochen vor dem November-Pogrom, äaber mein Nationalismus und Patriotismus ist hin für immer. Mein Denken ist jetzt ganz und gar das voltairisch kosmopolitische. Jede nationale Umgrenzung erscheint mir als Barbarei. Vereinigte Weltstaaten, vereinigte Weltwirtschaft." Ein klarer, ein definitiver Standpunkt, so schien es zumindest. Doch wer jahrzehntelang nationalistisch geprägt worden war, rückte selbst in der Stunde der bittersten Erkenntnis nicht ganz von den alten Glaubenssätzen ab: äIch bin deutsch, die anderen sind undeutsch; ich muss daran festhalten: Der Geist entscheidet, nicht das Blut", so notierte er am 11. Mai 1942. Und zur Bekräftigung noch einmal, ein paar Wochen später: äIch bin deutsch und warte, dass die Deutschen zurückkommen; sie sind irgendwo untergetaucht." Mit dieser etwas überraschenden Wendung beeindruckt Klemperer vor allem seine national gestimmten Leser. äSehr viel deutscher kann man nicht sein", bescheinigte ihm Martin Walser 1995 in einer Rede zur posthumen Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Klemperer. Walser preist ihn, den Juden Victor Klemperer, für sein Bekenntnis zum Deutschtum und, implizit, auch für seine Abwendung v
Leserbewertungen: Durchschnitt: 4.0 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 2 Bewertungen)
Leserkommentare:* ein ungewohnt lockerer Walser (4 von 5 Punkten) meint a. aus Hamburg Für mich das beste Buch Walsers.
Nicht so schwerfällig, umständlich und selbstgefällig, wie man es sonst von Walser kennt. Eher angenehm locker.
Das Buch liest sich gut und langweilt nicht. Man kann es "in einem Zug" lesen, und tatsächlich soll es Walser ja auch in sehr kurzer Zeit nur so aus der Feder geflossen sein. Die Geschichte regt zum Nachdenken und zur Diskussion an.
Ich bin über den kongenialen Fernsehfilm (lief 2009 auch im Fernsehen) auf das Buch aufmerksam geworden.
Den Film fand ich eigentlich noch besser, weil es dem Regisseur gelingt, die Geschichte - wie ich finde: perfekt - in die heutige Zeit zu übertragen, und die Schauspieler, Tukor und vor allem Nöthen (!) einfach hervorragend spielen. Ein echtes Highlight.
Wenn also Walser, dann ist diese Novelle jedenfalls zum Einstieg hervorragend geeignet.
Den Film - gibt es auch als DVD - dann am Besten danach anschauen. Es lohnt sich (wenn man Literaturverfilmungen überhaupt mag)!
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| | Buch: | Ein springender Brunnen: Roman |
| Autor: | Martin Walser, Ausgabe vom 21. Febr. 2000, Taschenbuch, Verkaufsrang 40092 |
| Preis: | 11,50 EUR (Versandkostenfrei, Lieferbedingungen s.u.) | |
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Aus der Amazon.de-Redaktion So sieht also ein Meisterwerk aus! Oh, Martin Walser, was hat man ihm nicht alles vorgeworfen in den letzten Jahren! Nationalistisch sei er geworden, linkes Hemd abgelegt, rechtes übergestreift. Jetzt hat er, endlich, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten, schon gibt es neuerliche Mißverständnisse. Gottseidank hat er uns etwas an die Hand gegeben, das schwerer wiegt als all die Anfeindungen: Ein Springender Brunnen. Dieses Buch wird nicht vergehen, so viel steht fest. Das langgeplante, quasi autobiografische Alterswerk des inzwischen 71-jährigen tuscht Bilder in uns hinein, Bilder von solcher Zartheit und Erinnerungsgenauigkeit, die unweigerlich im Leser die eigene Kindheit wiedererstehen lassen. Erzählt wird aus der Sicht des kleinen Johann ab seinem fünften Lebensjahr. Ort der Handlung ist Wasserburg am Bodensee im Jahr 1932. Johanns Eltern betreiben eine kleine Gastwirtschaft, immer am Rande des Ruins entlangschlitternd. Der Vater, ein Schöngeist, aber geschäftlicher Unglücksrabe, wird zur wichtigsten Figur in Johanns Dasein. Er weckt die poetische Ader des Jungen, indem er immer neue, phantastische Vokabeln in seinen Wörterbaum hängt. Die Mutter hingegen eine bigotte, lebensunfrohe, aber tüchtige Person, ohne die die Gastwirtschaft längst ruiniert wäre. Dazu läßt Walser noch jede Menge bizarres Dorfpersonal aufmarschieren. Wundervoll beschrieben ist Johanns erste Liebe zu einem Artistenmädchen aus einem Wanderzirkus (er klebt ihr Abziehbildchen auf die Oberschenkel, her mit dem Nobelpreis für solche Beschreibungen!). Das erste Auftauchen der Braunhemden im Dorf, der Eintritt seiner Mutter in die Partei, das wird völlig unaufgeregt und ohne Rechtfertigungen dargestellt. Das mag vielleicht nicht politisch korrekt sein, aber Walser berichtet eben strikt aus der Sichtweise des Jungen. Und so begleiten wir Johann, der in den Krieg zieht, seine Gedichte verfaßt, wieder zurückkehrt in sein Wasserburg, das ihm doch die Welt ist; schließlich zu Martin Walser wird, den wir schätzen gelernt haben und der uns diese Geschichte so ergreifend nahegebracht hat, und wir stellen erstaunt fest: So sieht also ein Meisterwerk aus! -Ravi Unger
Leserbewertungen: Durchschnitt: 4.0 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 12 Bewertungen)
Leserkommentare:* Erinnerungsbuch - Hitlerdeutschland in der Provinz (5 von 5 Punkten) meint B.T. Martin Walser wählt in seinem autobiographischen Roman den Knaben Johann als Perspektivfigur und Protagonist. Aus Johanns Kindheit und Jugend, zu Zeiten des dritten Reichs, werden drei kurze Lebensabschnitte (Johann als 5-, 10- und 18- jähriger) aufgegriffen und detailliert geschildert, während die dazwischenliegenden Zeiträume nur indirekt durch Johanns Erinnerungen und Reflexionen dargestellt werden. Im schwäbischen Wasserburg am Bodensee wächst Johann zunächst unbeschwert in einer Gastwirtfamilie auf. Die tüchtige aber sehr strenge Mutter kümmert sich um die "Restauration" und kämpft um das finanzielle Überleben der Familie, während dem Vater das Klavierspiel sowie philosophische und spirituelle Literatur wichtiger sind. Durch den zunehmenden Einfluss der Nazis, treten in Wasserburg Veränderungen auf, denen sich auch Johann nicht entziehen kann. Die Mutter tritt schon früh, im Jahre 1932, in die Partei (NSDAP) ein. Nun werden die Parteiversammlungen in der Restauration abgehalten, wodurch Johann die Reden der Nazis zwangsläufig mitbekommt. Der Vater weiß schon sehr früh: "Die Katastrophe heißt Hitler", und zieht sich zunehmend in seine Theosophie zurück. Johann ist in dieser Zeit sehr oft mit seinem besten Freund Adolf zusammen. Gegensätzlicher könnten Freunde kaum sein: Johann ist eher zurückhaltend und liest seinem Vater aus Nietzsches Zarathustra vor, Adolf hingegen klopft Sprüche und verwendet Vokabular, das er von seinem strammen >Nazi-Vater< übernommen hat. Durch etliche weitere Szenen des Dorflebens wird klar, wie sich die Verhältnisse durch die Macht der Nationalsozialisten komplizieren. Johann findet über seinen Vater den ersten intensiveren Zugang zur Sprache. Er lernt Wörter zu buchstabieren, die der Vater ihm aufgibt und aus denen er sich einen imaginären "Wörterbaum" wachsen lässt. Ein persönlicher Rückblick ist demnach niemals vor subjektiven Verfälschungen und Auslassungen gefeit. Es lässt sich vermuten, dass Walser die fiktive Figur Johann deshalb zum Protagonisten wählt, weil er den Wahrheitsanspruch, schreibe er biographisch von "Martin", ohnehin nicht erfüllen könnte.
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| | Buch: | Brandung - Roman. |
| Autor: | Martin Walser, Ausgabe vom 23. Febr. 1987, Taschenbuch, Verkaufsrang 151611 |
| Preis: | 9,50 EUR (Versandkostenfrei, Lieferbedingungen s.u.) | |
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Helmut Halm macht sich auf, endlich seiner Persönlichkeit Gewicht und Bedeutung zu verleihen. Doch auch an der kalifornischen Pazifikküste kommt alles anders, als er denkt. Mit Brandung ist Martin Walser ein ebenso intelligenter wie witziger Roman über die Sehnsucht nach mehr Leben gelungen, ein großes Buch, das - so die Neue Zürcher Zeitung - "lesesüchtig macht".
Leserbewertungen: Durchschnitt: 4.0 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 5 Bewertungen)
Leserkommentare:* Brillanter Campus- und Eheroman (5 von 5 Punkten) meint R.D. aus Luzern, Schweiz Brandung ist eines von Walsers erfolgreichsten Büchern, ein Campus- und Eheroman, der in Amerika spielt. Helmut Halm, ein Stuttgarter Lehrer Mitte 50, geht auf das Angebot eines Studienfreundes ein: Er nimmt sich vier Monate Auszeit, um als Gastdozent an einer kalifornischen Universität zu lehren. Frau und Tochter begleiten ihn. Beglückt vom kalifornischen Lebensgefühl, verliebt sich Halm in ein College-Girl. Halb beflügelt, halb bedrückt von dieser außerehelichen Gefühlsverwirrung, schwankt er zwischen Hoffnung, schlechtem Gewissen und der Angst vor einer Blamage. Vor allem aber ruft ihm die Liebe zu einer über 30 Jahre Jüngeren sein eigenes Altern und damit seine Sterblichkeit ins Bewusstsein. Lebbar ist diese Liebe nicht, mitteilbar höchstens auf dem Umweg über die Literatur. Schließlich passiert überhaupt nichts: Halm verharrt im Passiven, das große Drama bleibt aus. Damit erweist er sich vielleicht als feige, aber auch als zäh. Während sich um ihn herum Tragödien abspielen und der Tod mehrfachen Tribut fordert, bleibt der Antiheld genauso stabil wie seine Ehe. Walser gelingt mit Brandung ein meisterhaft komponierter Einblick voll milder Ironie in die Seelennöte eines Durchschnittsmannes.
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| | Buch: | Ehen in Philippsburg - SZ-Bibliothek Band 9 |
| Autor: | Martin Walser, Ausgabe vom 15. Mai 2004, Gebunden, Verkaufsrang 128687 |
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Aus der Amazon.de-Redaktion Deutschland in den 50er Jahren. Miefige Schwarz-Weiß-Welt. Das Wirtschaftswunder ist in vollem Gange, das Gerangel um die Postenverteilung hat eingesetzt, jeder möchte, bitteschön, nach oben. In dieser Tristesse, diesem trostlosen Ambiente, hat Martin Walser seinen ersten Roman angesiedelt. Ehen in Philippsburg (das hier wohl stellvertretend für Stuttgart stehen soll), hat bei seinem Erscheinen 1957 für großes Aufsehen gesorgt, Walser erhielt dafür prompt den Hermann-Hesse-Preis. Der Roman zeigt an einer Folge gescheiterter Ehen exemplarisch den schon wieder beginnenden moralischen Verfall einer Gesellschaft, die sich doch gerade noch im Aufbau befunden hatte. Hans Beumann, Hauptfigur und roter Faden, der sich durch das ganze Buch zieht, befindet sich nach beendetem Studium auf dem Weg in die Metropole Philippsburg. Sein Ziel ist das größte Verlagshaus am Ort. Beharrlich arbeitet er an seinem Aufstieg, lernt Chefredakteure und Rundfunkintendanten kennen, stößt zur Gesellschaft der Mächtigen und Einflußreichen. Nur der Konvention halber verlobt er sich mit Anne, einer Studienkollegin. Liebe ist dabei nicht im Spiel, seltsam kühl, fast verachtend blickt Beumann auf diese Frau. Geschickt benutzt Walser eine anstehende Abtreibung bei Anne, um im zweiten großen Kapitel den Gynäkologen Benrath und dessen Geliebte einzuführen. Der große Arzt, ein im Wohlstand erstickter Zyniker, der seine Patientinnen nur noch mit Abscheu betrachten kann ("ihre häßlichen Leiber, ihre tierische Dankbarkeit!") - erneutes Vorgaukeln ehelichen Glückes. Die Höhenflüge dieser Karrieristen im Nachkriegsdeutschland, im Gegensatz dazu ihre private Unzulänglichkeit und Armseligkeit, dies darzustellen ist Walsers große Stärke. In vier großen, mit einander meisterhaft verwobenen Kapiteln beschreibt er den Weg der im Privaten so kläglich Gescheiterten, die unbeirrt, den gesellschaftlichen Gipfel vor Augen, auf den Abgrund zusteuern - Opfer der Gefühlskälte und des nüchternen Materialismus dieser vielfach nostalgisch verklärten Zeit, deren Darstellung selbst heute, 40 Jahre nach ihrer Entstehung, nichts von ihrer Eindringlichkeit eingebüßt hat. -Ravi Unger
Leserbewertungen: Durchschnitt: 4.0 von 5 möglichen Punkten (insgesamt 18 Bewertungen)
Leserkommentare:* Ein ganz großes Buch mit furchtbar unsympathischen Protagonisten (5 von 5 Punkten) meint R.F. aus Vienna, Austria Martin Walsers Erstlingsroman "Ehen in Philippsburg" ist ein in vieler Hinsicht beeindruckendes literarisches Ereignis.
Der Roman ist gespickt mit Personal, das mir, um es milde zu sagen, bis auf zwei Ausnahmen unendlich unsympathisch ist. Diese Protagonisten benehmen sich auch besonders unsympathisch, heuchlerisch, machohaft, flegelhaft, egozentrisch und fast degeneriert asozial.
Bezeichnend dafür ist die im ganzen Buch fehlende Empathie.
Nur müssen die Protagonisten eines Romans sympathisch sein? Nein, natürlich nicht. Die Überzeugungskraft, der Vermittlungswille des Autors entscheidet, ob man gebannt den Taten, Gedanken und Verfehlungen eines hoffnungslos asozialen Protagonisten folgt, oder eben nicht.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass ein Buch wie "Ehen in Philippsburg" nicht die Ideen, sozialen Werte oder die persönliche Einstellung zu Frauen (die in diesem Buch besonders unsympathisch ist) des Autors spiegelt, sondern ein Werk der Fiktion ist, ein kritisches Bild einer Gesellschaft, einer Zeit. Dass Martin Walser sich da persönlich zurückzieht und seine Protagonisten agieren lässt, ist eine der viele Stärken dieses Romans.
Hans Beumann ist der Hauptprotagonist dieses besonderen "Entwicklungsromans, der als hoffnungsvoller, schüchterner und naiver Bursche mit einer Empfehlung seines Professors nach Philippsburg (eine Variante von Stuttgart?) kommt um beim größten Medienkonzern einen Job zu finden. Er wird beim Vorstellen nicht vom Boss empfangen und nennt, da er dem Empfangsmädchen Marga (die im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle spielen wird) eine Adresse nennen muss, die Adresse seiner Studienbekannten und Tochter eines Konzernchefs Anne. Hier kommt er erstmals mit der Bigotterie dieser vornehmen Gesellschaft in Berührung, da Annes Eltern quasi der Mittelpunkt dieser "Promiclique" sind. Annes Vater als kühler, aber effizienter Konzernchef, Annes Mutter als scheinbar nymphomanisch veranlagte kulturinteressierte Festveranstalterin; dazu Anne als wirklich einziger Mensch ohne Makel in diesem Roman, bezeichnenderweise von Hans Beumann als "alte Jungfer" klassifiziert.
Da mit Marga nichts läuft und Annes Vater Job und Aufstiegsmöglichkeiten bietet, beginnt, er ein Verhältnis mit Anne, das durch eine ungewollte Schwangerschaft in der zweiten Teil des Romans, der aus der Sicht des mit Annes Eltern befreundeten Gynäkologen erzählt wird.
Martin Walsers Lösung der Form in diesem Roman ist einfach wunderbar. Er lässt im zweiten Teil Dr. Benrath seine Geschichte erzählen, die dem regen sittlich verwerflichen Treiben dieser Gesellschaft um nichts nachsteht. Mit seiner Frau verbindet ihn schon lange nicht mehr viel, am meisten noch das Wissen, dass sie ohne ihn nicht existieren könne, dass sie es nicht überleben würde, würde er sie für Cécile verlassen, der charmanten und von fast allen begehrten Kunsthändlerin. Dr. Benrath ist ein weiteres Prachtexemplar dieser empathielosen, sozial gestörten Gattung Mensch, der nur sein soziales Weiterkommen und seine sexuellen Wünsche im Kopf hat und dadurch seine Frau mehr oder weniger in den Selbstmord treibt. Als Benrath heimkommt und seine Frau tot am Boden liegen sieht, greift er nicht hin, er berührt sie nicht, er ruft weder Rettung noch Polizei, er weiß es auch so, es ist zu spät. Mehr Anteilnahme hat er nicht. Er bittet einen bekannten Rechtsanwalt, sich um alles zu kümmern und reist (nachdem er merkt, dass seinem Verhältnis zu Cécile seine nun tote Frau fehlt) ab.
Der dritte Teil ist aus der Sicht des Rechtsanwalts, der letztendlich auch an seinem Verlangen nach Cécile scheitert und seiner Frau geschildert, während der vierte Teil wieder Hans Beumann zurückholt, der Aufzeichnungen, Skripte oder gar einen Romanentwurf des verschwundenen Nachbarn liest und knapp vor seiner Eheschließung in den Kreis der erfolgreichen "Sebastianer" (eine Art Mitglied- bzw. Ritterstatus im Nachtlokal- oder Bordell- Sebastian, wo die von Hans noch immer heiß begehrte Marga jetzt tanzt...) geschlagen wird.
"Ehen in Philippsburg" endet damit, dass Hans Beumann perfekt in das Bild dieser "feinen Gesellschaft" passt und, nachdem er merkt, wie leicht das Lügen am Telefon ist, fast direkt aus Margas Bett in die Umarmung seiner Frau schlüpft.
Was diesen Roman trotz aller Widerlichkeiten zum aufregenden Leseereignis macht, ist Martin Walsers Sprache, seine Art, diese Protagonisten unkommentiert und ohne Stellungnahme zu Wort kommen zu lassen. Wunderbare Prosa, unter anderem auch mit viel verstecktem Humor (man lese die große Bordellszene am Ende, die quasi aus Hans Beumanns Sicht geschildert wird, der mittlerweile einige Gläser getrunken hat und die ganze Tanzszene inklusive Choreografie ernst und humorlos kommentiert); lange, teilweise verschachtelte Sätze, die sich wirklich lohnen, langsam gelesen zu werden.
So wurde "Ehen in Philippsburg" ein wirklich großes Buch, ein beklemmendes Sittenbild, ein großartiges Portrait der Zeit des Wirtschaftswunders in Deutschland, ein vermutliches Vorbild für Glamour Society und Markenromane" von Frédéric Beigbeder, Michel Houellebecq, Bret Easton Ellis, Christian Kracht und anderen Autoren. Ein Roman, der in feinster literarischer Manier so konsequent wie nur irgendwie möglich eine Gesellschaft ad absurdum führt.
Ganz große Literatur.
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