Aus der Amazon.de-Redaktion Walsers Roman Finks Krieg beruht auf einem authentischen Fall: Nach einer gewonnenen Landtagswahl versetzt der neue Staatssekretär Tronckenburg den altgedienten Beamten Stefan Fink zugunsten eines eigenen Parteigenossen. Der erfahrene Fink, in seiner Wiesbadener Staatskanzlei seit Jahren zuständig als Verbindungsmann zu den kirchlichen Institutionen, leidet unter dieser Ungerechtigkeit, ändern jedoch kann er daran nichts, die Verfahrensweise gilt als durchaus nicht unüblich. Erst ein Verfahrensfehler Tronckenburgs, einhergehend mit der - frei erfundenen - Behauptung, über Fink seien Beschwerden eingegangen, die die Versetzung unumgänglich machten, lassen den Beamten Fink zum Kämpfer werden. Nunmehr ist sein Fall für ihn zu einer Frage der Ehre geworden. Diesmal ist es nicht die ganz leichte Kost, die uns Martin Walser hier vorsetzt. Dennoch, das ganze Sujet, die juristischen Spitzfindigkeiten, der politische Alltag in einer hessischen Staatskanzlei, es spricht für Walsers Sprachgewalt, daß es hier nicht einen Augenblick lang langweilig zugeht. Man ist gespannt bis zur letzten Minute, wie es dem Beamten Fink in diesem wahnwitzigen Kampf ergeht. Die Zeit zitierte bei Erscheinen des Buches in ihrer Kritik den jüdischen Witz: "Kann schon sein, daß ich paranoid bin, aber vielleicht sind sie trotzdem hinter mir her!" Ganz klar, Stefan Fink ist paranoid, und verwundet dazu! Walser liefert die beklemmende Fallstudie eines Mannes, der fast wahnsinnig wird über der Erarbeitung seiner Verteidigungsstrategie. Er denunziert, stellt hemmungslos seine wenigen, noch verbliebenen politischen Freunde in seine Dienste, kopiert heimlich kiloweise Akten zu seiner Entlastung, ein schwitzendes, fuchtelndes Männlein, aber auch ein Held, der für die Wiederherstellung seiner Ehre alles tun wird. Ein exzellent recherchierter Einblick in den oft zermürbenden politischen Alltag, das Psychogramm eines kleinen Beamten, der ins unmenschliche Räderwerk der Parteimaschine gerät, das ist Walser pur. Unbedingt lesenswert! -Ravi Unger
Buch:
Die Verteidigung der Kindheit: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Autor:
Martin Walser, Ausgabe vom 5. Sept. 1993, Taschenbuch, Verkaufsrang 530335
Roman Erscheinungsjahr: 2003 Gewicht: 484 gr / Abmessungen: 190 mm x 118 mm x 33 mm Von Walser, Martin B Susi liebt, heiratet und merkt: sie will ihren Mann entweder ganz oder gar nicht. S Da der für ''ganz'' nicht geeignet ist, hört sie auf, seine Frau zu sein. Aber zur Trennung reicht die Ernüchterung nicht aus. Es beginnt die Suche nach einem, den sie ganz haben kann. Das wird der Lebenslauf der Liebe. Ein behindertes Kind, ein Mann, der zuerst sehr reich ist, dann ruiniert, dann krank, dann tot -, und Susi, in ihrer durch keine Erfahrung belehrbaren Sehnsucht nach reiner, das heißt vollkommener, das heißt gegenseitiger Liebe. Die Unbelehrbarkeit ihres Gefühls ist ihre Kraft, eine jeden Ruhms würdige Lebenskraft. Und der Roman rühmt Susi Gern. Bis zum Schluß: War sie vorher durch die Lebensumstände eine Abenteurerin der Liebe, so wird sie jetzt zur reinen Liebenden. Nach seinem großen Erinnerungsbuch "Ein springender Brunnen" jetzt das Buch über die Liebe, also ist die Heldin - und sie ist wirklich eine Heldin - eine Frau, also spielt das Buch in Düsseldorf, und das große Geschäft ist so wichtig wie die große Liebe: die gibt allerdings den Ausschlag in diesem ebenso ergreifenden wie schockierenden Liebes-Roman. Susi Gern liebt, heiratet und merkt: sie will ihren Mann entweder ganz oder gar nicht. Da der für ganz nicht geeignet ist, hört sie auf, seine Frau zu sein. Aber zur Trennung reicht die Ernüchterung nicht aus. Es beginnt die Suche nach einem, den sie ganz haben kann. Das wird der Lebenslauf der Liebe. Ein behindertes Kind, ein Mann, der zuerst sehr reich ist, dann ruiniert, dann krank, dann tot -, und Susi, in ihrer durch keine Erfahrung belehrbaren Sehnsucht nach reiner, das heißt vollkommener, das heißt gegenseitiger Liebe. D Als Andy Warhol noch lebte, da hat er Susi Gern porträtiert. Mindestens hundert Mal hat der exzentrische Pop-Art-Künstler die Tochter eines Malers und ihren Mann Edmund mit der Polaroidkamera festgehalten. Ein Bild fand Warhol gut, welches er signierte: "Das war dann das Original". Eigentlich hätte sich Susi gern mit ihren Katzen fotografieren lassen. Aber Warhol hat gesagt, dass er kein Tiermaler sei. Und da "Mr. Warhol aussah wie ein misshandeltes Kind", wagte Susi nicht, ihm zu widersprechen. Im neuen Roman von Martin Walser sind die Katzen das einzig Beständige im Leben Susi Gerns - und ihre behinderte (oder vielmehr "leicht beschädigte") Tochter vielleicht. Ihr Mann hat sich schon lange anderen Frauen zugewandt, mit denen er sich auf Dienstreisen nach Rom vergnügt, während für Susi nur Fahrten in die neuen Bundesländer übrig bleiben. Der erfolgreiche Düsseldorfer Geschäftsmann steht auf Affären, Susi aber will Ewigkeit und zieht sich in die innere Emigration zurück: "Liebe hieß bei mir immer für immer". Aber nichts ist für die Ewigkeit: Irgendwann ist Edmund ruiniert und stirbt, und Susi wieder ganz allein. Neue Kolonien ihrer Sehnsucht müssen nun besiedelt werden: Der "Lebenslauf der Liebe" fängt von vorne an. Über hundert Fotos hat Andy Warhol von Susi Gern und ihrem Mann gemacht, und doch das Wesentliche nicht so richtig zu fassen vermocht. Martin Walser braucht 525 Seiten dazu und dann ist das Porträt einer nie gestillten Sehnsucht nach reiner Liebe voller Poesie und Intellekt fassettenreich ausgemalt. Hätte Marc Chagall mit Pablo Picasso gemeinsam Romane geschrieben, dann wäre wohl ein ähnliches Buch entstanden. Wie gut, dass wir den Walser haben. -Thomas Köster
Buch:
Jagd: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Autor:
Martin Walser, Ausgabe vom 6. Nov. 1990, Taschenbuch, Verkaufsrang 256369