Aus der Amazon.de-Redaktion Den Eltern offenbart sie als Ersten brieflich ihr Erlebnis bei Wiener Freunden, wo sie "?den bekannten Lyriker Paul Celan etwas ins Auge" gefasst hatte, wie sie fast beiläufig anmerkt. Die erste Begegnung der beiden bedeutendsten Vertreter deutschsprachiger Nachkriegslyrik hatte sich bereits einige Tage zuvor, im Mai 1948, zugetragen. Der "surrealistische Lyriker [?] hat sich herrlicherweise in mich verliebt", erfuhren die vermutlich nicht gering staunenden Eltern, verlieh dieser Umstand ihrer Tochter "bei meiner öden Arbeiterei doch etwas Würze." Vermutlich eine Untertreibung. Bald nach diesem ersten Treffen rief sich ein beeindruckter Paul Celan mit dem Gedicht "In Aegypten" in Erinnerung, das er Ingeborg Bachmann, "der peinlich Genauen", liebevoll zugeeignet hatte. Mit diesem Briefgedicht, oder Gedichtbrief, war er eröffnet, der funkelnde Briefwechsel, der in diesem Bücherherbst wohl kaum eine Kritikerseele unberührt ließ! Man sollte sich alle Zeit der Welt nehmen ? die Texte werden es dankend zurückgeben -, dieser Liebesbeziehung, die so inniglich um Wort und Ausdruck kämpfte, und über der lange Zeit der Nebel der Unklarheit hing, in ihre unauslotbaren Tiefen zu folgen. Zwei Biografien kollidierten, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Hier die Philosophiestudentin und Tochter eines österreichischen NSDAP-Mitglieds der ersten Stunde. Dort der staatenlose Jude aus Czernowitz, der beide Eltern im KZ verloren und selbst das rumänische Arbeitslager überlebt hatte. Und der sich nun als jüdischer Dichter vor der schier unlösbaren Aufgabe sah, angesichts der Ungeheuerlichkeit des Holocaust in die deutsche Sprache, ja ins deutsche Gedicht zurückzufinden. Ein wahrhaft dunkler Pfad? ?über den auch diese Briefbeziehung oft genug stolpert. Oft genug mündet jedes liebe Wort in Irrungen und Missverständnissen. Der Parcours zweier Sprachgewaltiger, zeigt sich nicht selten als Sprachlosigkeit auf hohem Niveau, als naives Nichtsagenkönnen. Und immer wieder Vorzeichen der Krankheit und Depression. Sprachlich Misslungenes wird zerstört, geht auf immer verloren. Was überlebt, wird zur literarischen Kostbarkeit. Max Frisch, Hans Werner Henze, die großen Geliebten tauchen auf. Auf der anderen Seite tritt Gisèle Celan-Lestrange in den Briefwechsel ein. Die berühmten Lesungen in der Gruppe 47. Und - es kündigt sich ein Rollentausch an: Literarisch aufgeblüht, wächst bei Bachmann auch das Selbstbewusstsein. Sanft beginnt sie den großen Meister der "Todesfuge" zu überholen, übernimmt die Führungsrolle. Zwei Besessene, denen "die Grenzen zwischen Literatur und Wirklichkeit aufgehoben sind", wie der Rezensent der Neuen Zürcher Zeitung zutreffend befand. Deren bester Freund und ärgster Quälgeist der Schmerz war. Paul Celan wählte im April 1970 den Freitod, Ingeborg Bachmann folgte ihm drei Jahre später in einem Hotelzimmer in Rom. In diesem Briefband grüßen sie noch einmal aus der Ferne. Und sind plötzlich so nah. ?Ravi Unger
Aus der Amazon.de-Redaktion Unter den deutschen Lyrikern der Nachkriegszeit war Paul Celan eindeutig der genaueste - und einer, der jenseits der Inventur- und Kahlschlag-Lyrik von Günter Eich und anderen auf die Kraft der Metapher auch (und gerade) nach dem Missbrauch der Sprache durch nationalsozialistische Propaganda nie verzichten wollte. Vor allem sein an zahlreichen Lyrikübersetzungen von Arthur Rimbaud, Ossip Mandelstam oder Sergej Jessinin geschultes Sprachverständnis schimmert durch jede Zeile seiner Sammlungen Mohn und Gedächtnis (1952), Atemwende (1967) oder Fadensonnen (1968). Sein berühmtes Langgedicht Todesfuge ("Der Tod ist ein Meister aus Deutschland") zeigt auf eindringliche Art und Weise, wie es gelingen kann, selbst eine derart unglaubliche Erfahrung wie den Holocaust poetisch zu reflektieren. Nun gibt es eine Möglichkeit, die ungemein präzise, jederzeit treffsichere Lyrik Celans neu zu entdecken. Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band versammelt auch die erst vor kurzem veröffentlichten Werke aus dem Nachlass, die manche Überraschung bieten. Als besonders hilfreich erweist sch dabei der fundierte Kommentar der Herausgeberin Barbara Wiedemann, der dem Leser manch weitere Nuance der Zeilen eröffnet. So ist der Band Die Gedichte eine wahre Fundgrube auch für Celan-Kenner geworden, der in jede gute Bibliothek gehört, in welcher Celans ebenfalls sehr bibliophile und verdienstvolle Gedichte in zwei Bänden der Bibliothek Suhrkamp noch fehlen. -Stefan Kellerer 1
Buch:
»Todesfuge« und andere Gedichte: Text und Kommentar (Suhrkamp BasisBibliothek)
Autor:
Paul Celan, Ausgabe vom 20. Dez. 2004, Taschenbuch, Verkaufsrang 27726
Product Description "Das Gedicht heute behauptet sich am Rande seiner selbst; es ruft und holtsich, um bestehen zu können, unausgesetzt aus seinem Schon-nicht-mehr insein Immer-noch zurück. Das Gedicht ist einsam. Es ist einsam und unterwegs.Das Gedicht will zu einem Andern, es braucht dieses Andere, es brauchtein Gegenüber. Es sucht es auf, es spricht sich ihm zu. Paul Celan."
Buch:
Briefwechsel - Paul Celan - Nelly Sachs
Autor:
Paul Celan, Nelly Sachs, Ausgabe vom 27. Febr. 1996, Taschenbuch, Verkaufsrang 339408