Roberto Simanowski, Ausgabe vom 2002, Taschenbuch, Verkaufsrang 809067
Aus der Amazon.de-Redaktion "Was um alles in der Welt ist digitale Literatur?" - die Frage auf dem Umschlag verrät jene symptomatisch angestrengte Aufgeregtheit, die in der Diskussion über Computer und Literatur inzwischen gleichermaßen zum Reflex erstarrt ist. Wen interessiert's?, möchte man zurückfragen. Und um es gleich vorwegzunehmen, auch der von Roberto Simanowski herausgegebene Sammelband findet keine befriedigende oder überzeugende Antwort auf die gestellte Frage. Was weniger am kenntnisreichen Herausgeber und seinen Mitstreitern liegt, sondern in der Natur der Sache selbst. Egal, ob man es nun "digitale" oder "elektronische Literatur" nennt, "Hyper-" oder "Interfiction", "Netzkunst", "Multimedia" und dergleichen mehr, es handelt sich ganz offensichtlich um ein sehr variantenreiches Phänomen auf der verzweifelten Suche nach einem Begriff. Das Einzige jedoch, das die unterschiedlichen Formen der digitalen Literatur zu einen scheint, ist das, was sie nicht sein wollen: ein Buch. Konsequenterweise erklärt denn auch Simanowski, dessen Online-Salon Dichtung-digital.com zum Sammelbecken avancierter Digitalliteratur in Deutschland geworden ist, das Buch zum "Schutzumschlag" für die beigefügte CD - nur wer oder was geschützt werden soll oder muss, ist nicht ganz klar. Auf der CD finden sich die preiswürdigen Beiträge des 2001 von Telekom und dtv ausgeschriebenen Wettbewerbs Literatur.digital; eine bunte Mischung aus Konzeptkunst im Flash-Format, mittelschwerem Multimedia-Expressionismus und theoriebewegten Buchstabenspielen. Für deren angemessene Rezeption sorgt nun das Buch, indem es nicht nur den theoretischen und historischen Kontext erläutert, sondern auch die einzelnen Arbeiten des Wettbewerbs beschreibend einführt. Die Leser sind allerdings besser beraten, sich erst die CD zu Gemüte zu führen, denn die zum Teil überraschenden Qualitäten der Beiträge wirken besser auf die unvoreingenommene Wahrnehmung. Fazit: Man weiß nicht, ob man sich freuen oder ärgern soll. Freuen darüber, wie intelligent und versiert man offensichtlich über das Phänomen der digitalen Literatur (was immer das auch ist) schreiben kann, oder ärgern darüber, wie sehr diese Intelligenz verpufft in unnötigen Positionskämpfen und im kleinlichen Streit über Definitionen einerseits und unter dem Zeit- und Verwertungsdruck der Verlagsbranche andererseits. Literatur.digital hinterlässt daher einen eher gemischten Eindruck: Auch wenn das Buch viele überzeugende Vorzüge hat, und zum Besten zählen muss, das es zu diesem Thema in Deutschland gibt, seine einzigartige Stellung verdankt es möglicherweise nur der Tatsache, dass es (noch) zu wenig Konkurrenz gibt. -Peter Schneck
Buch:
Kulturelle Grenzziehungen im Spiegel der Literaturen: Nationalismus, Regionalismus, Fundamentalismus
Autor:
Hg. von Horst Turk, Brigitte Schultze und Roberto Simanowski, Ausgabe vom 1. Dez. 1998, Sondereinband, Verkaufsrang 1931650