Drop City Draußen, am Eingangstor der Drop City Ranch irgendwo in Kalifornien, hängt ein Sperrholzschild windschief an einem Querpfosten. "Keine Männer, keine Frauen - nur Kinder!" steht darauf zu lesen. Und tatsächlich haben sich drinnen etwa 60 Menschen versammelt, die nicht erwachsen werden wollen: Hippies der Flower-Power-Ära, die auf dem geerbten Terrain eine Insel der Glückseligen schaffen wollen. Alles, was man zum Leben braucht, ist auf der Ranch versammelt: Ziegen und Zucchini, Platten von Jimmi Hendrix bis Country Joe and the Fish - und Drogen natürlich, jede Menge Drogen. Aber die Welt ist nicht ganz so unschuldig in Drop City, wie seine Bewohner es sich ersehnen, schließlich befinden wir uns in einem Roman von T.C. Boyle. Ein echtes Kind schluckt LSD im Fruchtsaft, ein anderes Kind wird von den Jüngern freier Liebe vergewaltigt. Und dann tritt Gott auf in Gestalt des Sheriffs und vertreibt die Hippies aus ihrem trügerischen Paradies. So müssen sie sich auf die Reise machen ins kalte Alaska, wo wiederum eine Hütte auf sie wartet. Über die Grenze kommen sie nur, weil die zugekiffte Gruppe den Zöllnern weismacht, sie seien die Greatful Dead auf Welttournee. Auf den Einfall, die Generation der Flower-Power-Bewegung zum Thema eines Romans zu machen, kam Boyle bei den Recherchen über die Umweltbewegung für sein Buch Ein Freund der Erde. Deshalb ist im Roman viel Kritik an einer Zeit versteckt, die ihre kindischen Verklemmungen hinter der Maske totaler Freiheit zu verbergen suchte. Ansonsten aber ist Boyle ein überaus komplexer, wunderbar lesbarer und ironisch-skurriler Roman geglückt, der in seinen besten Passagen an World's End heranreicht. Große, leicht bekiffte Literatur. -Stefan Kellerer
Buch:
Talk Talk: Roman
Autor:
T. C. Boyle, Ausgabe vom 1. Mai 2008, Taschenbuch, Verkaufsrang 68067
Talk Talk "Identitätsdiebstahl? lautet das Schlüsselwort in T.C. Boyles Roman. Es bezeichnet die jüngste Verbrechensvariante, die im Land der tausend Möglichkeiten bereits existenzzerstörende erste Blüten treibt. Im Zeitalter der PINs, Codes und Passwörter verschaffen sich übelwollende Naturen Zugang zu den Konten ihrer Opfer, um sie dann Wirtstieren gleich auszusaugen und sich deren Identität überzustülpen. Ein einträgliches Geschäft. So staunt die gehörlose Dana Halter nicht schlecht, als sie sich nach einem geringfügigen Verkehrsdelikt in den unmenschlichen Fängen einer gnadenlosen US-Justizmaschinerie wiederfindet. Ihr Albtraum hat einen Namen: Dr. Dana Halter! Gesucht in mehreren Staaten wegen vielfachen Scheckbetrugs. Ihr Wirtstier! Schade, dass T.C. Boyle so verdammt unterhaltsam und definitiv zu jung ist. Der Nobelpreis hätte diesem Mann längst auf einem Samtkissen überreicht werden müssen! Was TCB in seinem elften Roman aus einem vergleichsweise schlichten Gut-Jagt-Böse-Roadmovie an Funken zu schlagen vermag, zeichnet nur ganz große Erzähler aus. Aller Talk Talk (engl. für Gebärdensprache zwischen Gehörlosen), bringt Dana bei den Behörden nicht weiter. Zwar spricht man sie - nach einem drastischen Aufenthalt im Untersuchungsgefängnis - schuldfrei; ihren Job als Gehörlosenlehrerin aber ist sie los und die Identität ihres Peinigers bleibt weiterhin unbekannt. Bis Danas etwas schlafmütziger Freund Bridger per Bankauskunft eine Telefonnummer herausbekommt. Die Spur führt nach Marin County. Dort, in bevorzugter Pazifiklage, lässt es sich ein gewisser William "Peck" Wilson zwischen Palmen, Armani und russischer Geliebter ausgesprochen gut gehen. Die hübsche Dana hat Blut geleckt. Die Jagd beginnt! In einer haarsträubenden Ralley verfolgen Dana und Bridger den flüchtigen "Peck" alias Dr. Dana Halter quer durch den Kontinent. Klar, dass jemand wie TCB sich die Gelegenheit nicht entgehen lässt, heftige Stimmungsbilder des heutigen Amerika beizusteuern. Einer mitleidlosen Konsumgesellschaft, in der nur der Erfolg zählt, wie Pecks unersättliche Zickenfreundin Natalia zeigt, ein Russenimport der teuren Art, die die Betätigungsfelder "Shoppen und Ficken" zu ihrer ureigensten Religion erhoben hat. Mit dem Handicap der hochintelligenten Dana, die in einer ignoranten Umwelt nur auf krasses Unverständnis, ja auf ironischerweise "taube Ohren" stößt, schuf TCB zusätzlichen Suspense, vor dem sich selbst ein Hitchcock verneigt hätte. Schließlich kreierte er mit der Figur des "Peck" einen so smarten wie beängstigenden Charakter, wie sich beim überraschenden Showdown zeigt. Wenn man dann noch nicht vom Schlag getroffen ist! -Ravi Unger
Buch:
América: Roman
Autor:
T. C. Boyle, Ausgabe vom 1. Nov. 2006, Taschenbuch, Verkaufsrang 12412
Worlds End Die märchenhafteste Geschichte in World's End (1987) ist die des amerikanischen Pachtbauern Harmanus Van Brunt, der im 17. Jahrhundert eine Familie durch seine Freßsucht ruiniert. Nachdem er jahrelang mit immensen Mengen an Wildbret, Schnecken und Trüffeln gefüttert worden ist und das einstmals fruchtbare Land nahezu kahlgefressen hat, fällt seine Frau Agatha vor Erschöpfung tot "mit dem Gesicht nach vorn in eine Kasserolle mit Kartoffelauflauf". 300 Jahre später wird auch ihr Nachfahre Walter von einem alles vernichtenden Hunger befallen. Und der "Garten Enden" ist hier kein utopisches Schlaraffenland, sondern ein trostloses Shopping-Mall. Poetischer (und unaufdringlicher) kann man Kolonialismus, ökologischen Raubbau und den Ausverkauf des American Dream kaum kritisieren. World's End ist ein skurilles Geschichtspanoptikum, das - in Anspielung an James Fenimore Coopers Lederstrumpfepos Der letzte Mohikaner (1826) - vorwiegend die letzten ihres Familiengeschlechts und deren Vorgeschichte vorstellt: Im Grunde nämlich spielt die Story längst im Totenreich, wo sich die Helden und die Ahnen wiedertreffen. Deshalb fährt Walter Van Brunt nach Alaska, ans "fernste, abgefrorenste Ende der Welt", auf der Suche nach dem Vater, der Vergangenheit: Nicht zuletzt eine Reise ans Ende der Zeit also, wo "die Toten aus den Gräbern steigen" und deren Hinterbliebene lebendig begraben sind. So entsteht eine "Grossaufnahme Amerikas am Ende des Jahrhunderts" (Boyle): ein apokalyptischer Totentanz, der sich 300 Jahre historischer Entwicklung mühelos einverleibt. T. C. Boyle ist der schwarzhumorige Prophet des menschlichen Untergangs. "Die einzige Hoffnung ist, das wir irgendwann aussterben", konstatierte er dementsprechend in einem Interview. Für das Jahr 2000 hat der Autor einen neuen Roman angekündigt. Mit World's End jedoch ist das ultimative Endzeitszenario zur Jahrtausendwende schon längst geschrieben. Wer es noch nicht gelesen hat, der sollte es getrost verschlingen. -Thomas Köster
Buch:
Dr - Sex: Roman
Autor:
T. C. Boyle, Ausgabe vom 1. April 2007, Taschenbuch, Verkaufsrang 38440
Dr. Sex Nun, da Prok tot ist, wandern Milks Erinnerungen noch einmal zurück zu jenem Herbsttag 1939, an dem man im Hörsaal des Instituts für Biologie an der Universität von Indiana eine Stecknadel hätte fallen hören können. Studenten und Studentinnen bekamen heiße Ohren angesichts des Gehörten und vor allem Gezeigten. Was der Professor, von allen nur "Prok" genannt, in drastischen Bildern an die Wand warf, waren nichts weniger als nackte Tatsachen. Erigierte Penisse, feuchte Vaginen. Fruchtfliege und Blütenstaub hatten ausgedient. Der Zoologe Alfred C. Kinsey hatte sein Lebensthema gefunden: Die Erforschung des Sexuallebens von Mann und Frau. Eine Revolution fand statt. Und einer sollte bald dem inneren Zirkel um Prok angehören: Der schüchterne Studiosus John Milk. Unter dem unglücklichen, BRAVO-haft verklemmten deutschen Titel, entwirft Boyle einen grandiosen Sittenspiegel sexueller Verklemmungen und Neurosen. Proks These, "den körperlichen Aspekt von Sex vollkommen von seinem emotionalen oder spirituellen Kontext zu trennen", führt den Jungforscher Milk dabei zusehends ins Dilemma: Während Kommilitonin Iris erste zarte Liebesgefühle in ihm weckt, muss er im Dienste der Forschung nachts in Schränke kriechen, um den Stellungskrieg einer Prostituierten mit ihrer Kundschaft zu dokumentieren, darf beim Statistikfestival "Onanieren der Tausend" selbst mitrubbeln, und soll am Ende sogar seine Iris zum Partnertausch aus der Hand geben. Boyle-Leser wissen, dass alles Messianische und Eifernde bei TCB besonders misstrauisch beäugt wird. Langsam entdeckt Milk, dass der Mann, der der Sexualität den Weg aus dem Unaussprechlichen verhalf, am Ende selbst als besessener und emotionsloser Messtechniker und Sextechnokrat dasteht. Allzu begierige Leser seinen gebremst! Was bei einem solchen Thema nahe läge, die exzessive Schilderung sexueller Handlungen, wird von Boyle klug und eher behutsam eingesetzt. Wichtiger ist die eigentliche Botschaft des Romans, Milks Erfahrung, dass jenseits aller Messdaten über konvulsivische Zuckungen, Erektionsdauer und Gleitsekrete, ein viel größeres Reich zu entdecken ist: Das der Emotionen, der Irrationalität und Zärtlichkeit ? das der Liebe. Diese Entdeckung blieb dem harmlosen Assistenten John Milk vorbehalten. T. C. Boyle gelang ein atemberaubendes Stück Zeit- und eine noch zartere Liebesgeschichte. ?Ravi Unger T. C. Boyle im Interview "Was für den einen pervers, ist die Sahne im Leben des anderen." Lesen Sie unser exklusives Interview mit T.C. Boyle über seinen Roman Dr. Sex, der auch fünfzig Jahre nach dem Kinsey-Skandal wieder für Aufruhr unter den Moralaposteln sorgte.
Buch:
Interpretationen Englisch; T.C.BOYLE: The Tortilla Curtain.
Autor:
Ernst H. Andrecht, Ausgabe vom 25. Januar 2012, Broschiert, Verkaufsrang 60289
Ein Freund der Erde. Oh je! Städtenamen wie Los Andiegoles und San José Francisco verheißen nichts Gutes. Wo sind wir hier hineingeraten? In T. C. Boyles bitterböse Endzeitgroteske, in der der Homo sapiens seine Erde endgültig zu einer Mischung aus Wüstenplanet und Müllkippe heruntergewirtschaftet hat. Unter ewigem Dauerregen siecht in Kalifornien eine hautverkrebste Bevölkerung dahin. Nahrung (sofern dies noch den Namen verdient) und Strom sind Mangelware. Die Atmosphäre: eine Giftküche, in der es selbst im einstigen Sonnenstaat mittags um drei schon stockfinster wird. Immerwährende Superorkane haben die Menschen gezwungen, in fest verankerten Betonquadern dahinzuvegetieren. Aus anderen Weltregionen hört man ähnlich Beruhigendes: Rhein und Loire sind inzwischen bevorzugte Reisanbaugebiete! Wir schreiben das Jahr 2025. Tyrone O'Shaughnessy Tierwater, kurz Ty genannt, hat ein bewegtes Leben hinter sich. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehörten er, seine zweite Frau Andrea sowie Tochter Sierra zu der Sorte radikaler Umweltschützer, die sich schon mal mit den Füßen als lebende Straßenblockade einbetonierten, um einen tausendjährigen Mammutbaum vorm finalen Axthieb zu schützen (die Schilderung dieser Aktion, inklusive Windeleinsatz, ist eine einzige Slapstick-Orgie). Inzwischen ist Ty fünfundsiebzig und reichlich desillusioniert. Frau und Tochter hat er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen, Umweltschutz hat sich mangels Umwelt auch erledigt. Sein Broterwerb wird durch die Marotte eines superreichen Popstars gesichert, die Pflege einer Privatmenagerie vom Aussterben bedrohter Viecher mit anheimelnden Namen wie Schabrackenhyäne, Patagonischer Fuchs und Warzenschwein. In diesem eher düsteren Lebensabschnitt taucht aus heiterem Himmel Andrea mit einem Spezialauftrag bei ihm auf. Schlagartig holt den armen Ty seine geheimnisvolle Vergangenheit wieder ein! Mit seiner schrill-apokalyptischen Tierwater'schen Tier- und Pflanzenkunde haut uns T. C. Boyle in einer Mixtur aus giftigstem Galgenhumor, Endzeit-'Grunge' und Ökothriller unsere gesammelten Umweltsünden um die Ohren und entwirft gleichzeitig ein Schreckensszenario, welches durchaus nicht mehr unrealistisch scheint. Großartig! -Ravi Unger
Buch:
Willkommen in Wellville: Roman
Autor:
T. C. Boyle, Ausgabe vom 1. Dez. 1994, Taschenbuch, Verkaufsrang 20195
Product Description 1907, Battle Creek, Michigan. Im Sanatorium des Dr. Kelogg lässt sich die Oberschicht der USA mit vegetarischer Kost von ihren Zipperlein heilen. Unter ihnen Will Lightbody, denn seine Frau ist eine der gläubigsten Anhängerinnen dieses all-American Zauberberg. Wills einziger Trost die liebevolle Schwester Irene. Aber Sex hält Dr. Kelogg für die schlimmste Geissel der Menscheit...
Buch:
World's End: Roman
Autor:
T. C. Boyle, Ausgabe vom 1. Nov. 1992, Taschenbuch, Verkaufsrang 64773
In wechselnden Kapitelblöcken erzählt World's End die Geschichte der Grafschaft Westchester nördlich von New York im 17. und 20. Jahrhundert. Im Zentrum stehen zwei aus den Niederlanden eingewanderte Familien, die Großgrundbesitzer van Wart und die verarmten van Brunts, die für sie arbeiten müssen, weil die van Warts für sie die Seereise bezahlt haben. In beiden Jahrhunderten verraten Angehörige der van Brunts ihre Sippschaft und müssen dafür teuer bezahlen. Ein dritter Erzählstrang verfolgt das Schicksal des Indianerstammes der Kitchawanken, der durch Blutsbande mit beiden >>bleichgesichtigen